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"The Nix" mit Nick McCarthy:Willkommen in der Wurstfabrik

Zusammengeschnipselt hat Nick McCarthy (oben, Mitte, mit seiner Frau Manuela Gernedel) das Beste aus vielen musikalischen Treffen mit befreundeten Musikern. Dass das Album dennoch wie aus einem Guss klingt, liegt auch an seinem Produktionspartner Sebastian Kellig (unten, Mitte). Collage: Nick McCarthy

Nick McCarthy aus Bad Endorf stieg mit "Franz Ferdinand" zu einem Weltstar auf, nun startet er mit "The Nix" ein neues Projekt. In seinem Studio in London hat er Musiker aus aller Welt zu wilden "Sausage Studio Sessions" eingeladen.

Von Michael Zirnstein

Erzählt Nick McCarthy von London, scheint es, in seinem Aufnahmestudio an der Hackney Lane spiele sich ein wichtiger Teil der bayerischen Pop-Kultur ab. Der Tausendsassa ist in Blackpool geboren, studierte aber Bass in München und blühte hier im Untergrund mit Bands wie Embryo oder Kamerakino auf, bevor er in Glasgow mit den Art-Rockern Franz Ferdinand zum Weltstar aufstieg. In London jedenfalls nennen sie ihn "den Deutschen". Er hat sich einen Witz daraus gemacht und nach der angeblicher Leibspeise der Krauts - Würstchen - seine dortige Musikzentrale benannt: Sausage Studio.

Dort vergräbt er sich mit seinem Partner, dem Ex-Münchner Sebastian "Seb-I" Kellig, gerne in aberwitzige Projekte wie das Lunsentrio, Box Codax, Manuela (mit seiner Frau Manuela Gernedel) oder 2014 in die Musik zur Isar-Gendarmen-Serie "München 7". Dafür schwebte ihm auch bayerische Blasmusik vor, "nur wer spielt in London Tuba", fragte er sich. Er fand David Aird. Wie in London üblich stattete McCarthy dem Tubisten auf einem Konzert einen Gegenbesuch ab und merkte: "Der kann ja auch singen, mir lief es kalt den Rücken runter. Seitdem wollte ich immer mit ihm eine Platte aufnehmen." Jetzt haben sie zumindest einen gemeinsamen Song: "Don't roll your eyes on me" zaubert genau dieses Kunstliedhafte in Airds Stimme hervor, das McCarthy so bewegte, "wie bei Anthony oder David Bowie". Zu hören ist das auf dem Album "The Sausage Studio Sessions" (Moshi Moshi Records) von The Nix, McCarthys Spielgruppe für hochbegabten Sonderlinge.

Wie den singenden Tubisten lud er immer wieder Kollegen in seine 24 Stunden geöffnete Würstchenbude ein, um sich mit ihnen musikalisch auszutauschen und -toben. Oft artete das zu Aufnahmepartys aus wie noch auf der Art School in Glasgow oder in den Neunzigern in München. Nun sitzt er seit Juni wegen Corona auf seinem Hof in Bad Endorf fest. "Ich lebe doch nur hier in Bayern, weil ich einmal im Monat nach London konnte", sagte er. Er liebe die Münchner Szene, aber hier könne er von seiner recht speziellen Musik nicht leben.

Via Internet hält er Kontakt zur Musikwelt. Gerade hat er ein Album mit Ströme fast fertiggestellt, den Elektro-ImproGenies aus Untergiesing, er müsse jetzt nur noch auf die Tracks singen. In München hat er Mario Schönhofer und Tobias Weber aber nicht kennengelernt, sondern in London. Weil die beiden wie Dub-Produzent Kellig auch schon mit La Brass Banda gearbeitet hatten, schauten sie nach einem London-Gig im Studio vorbei. McCarthy war gleich auf einer Welle mit diesen "Wahnsinns-Synthie-Typen", und sie mit ihm. Diese Initialzündung findet sich auch in den "Sausage Sessions", das durch ultraviolettes Licht gleitende "Nocturnal".

Das Alleine-Wursteln liegt ihm nicht. "Das Schönste ist, das Ding zusammen zu schreiben", findet er. Quatsch und Musik machen, was oft das selbe für ihn ist, "dazu braucht es körperlichen Kontakt". Bei Franz Ferdinand hätten sie leider kaum mit anderen kollaboriert, daher sei - vier Jahre nach seinem Ausstieg - The Nix "ein Abschied und eine Neustart-Party mit all den wunderbaren Leuten, die ich auf der Welt getroffen habe". Aber, so sagt er: "Ich kann nicht mit jedem." Vorlieben bei der Partnerwahl? "Er oder sie soll einfach normal sein." Damit meint er, der mal einen Spleen für anarchisch-bajuwarischen Dub-Reggae, mal für Italo-Pop hat: "Also normal von mir aus gesehen. Die sollen einen Draht zu etwas haben, wo ich nicht verstehe, wo sie's herziehen. Mich haut's dann einfach um."

So wie dänische-sambische Sängerin Liv oder wie die schottisch-chinesisch-irische Songwriterin KT Tunstall, für die er schon ein Album produziert hat. Bei ihrer Sausage-Session singt sie poppig-lässig über einen pluckernd-hallenden Beat "The Strangest Thing"; oder der Schauspieler Philipp Plessmann, der in "Full Fathom Five" hoch tönt wie die French-Popper Air; oder wie Laetitia Sadier im Space-Reggae "Until now, all is well". In den Neunzigern hatte McCarthy ihre Stimme bei Stereolab rauf und runter gehört, vor einer Weile entdeckte er sie im Publikum beim Londoner Konzert seiner Ehe-Band Manuela. "Wir sagten: Irgendwer muss sie jetzt anquatschen - ich zog den Kürzeren." Seitdem sind sie Freunde. Auch McCarthys Frau verblüfft ihn immer wieder, bei den Sessions mit dem bizarrsten Stück: einem lieblichen Dialog mit einer befreundeten Hyäne, die für sie mit dem abgerissenen Gesicht eines Menschen auf eine Party geht.

McCarthy und Kellig gelang es, diesen kreativen Wildwuchs mit seiner Backing-Band, in der etwa Jan Weissenfeldt von der Münchner Funk-Legende Poets of Rhythm spielte, in einer Pop-Wundertüte einzufangen. So ist The Nix (englisch für Nixe) nicht nichts, es ist voll Nick - mal abgespacet, mal heimorgelig. Bei allem Eklektizismus ist es - wie meistens bei ihm - auch eine Protestplatte, denn es gebe "noch genug Arschlöcher da draußen, die man stoppen muss". So wurde "Colours" mit Franz-Ferdinand-Drummer Andy Knowles eine Multikulti-Hymne wie Udo Lindenbergs "Bunte Republik Deutschland". Das Video dazu lässt McCarthys Schwester, die Künstlerin Anna McCarthy, mit viel Kinderschminken in einer Kletterhalle am Chiemsee zur Kostümparty ausarten.

Auch seine Konzerte sind normalerweise Happenings. Die Tour - mit allen Beteiligten, die dann gerade können und wollen - ist erst mal vertagt. Aber man kann McCarthys Liebe zur bunten Inszenierung in den aufwendigen "Nix TV"-Videos sehen. "Shoemonk" etwa, herzwärmend gesungen von Vula Malinga von Basement Jaxx ("Die macht jeden Schmarrn mit ..."), lässt Trickfilm-Magier Jim Parky ein Model mit Afro stolzieren und Hintern wackeln - alles aus Knetmasse wie bei seinen Arbeiten für "Shaun, das Schaf".

Und "Until now, all is well" zeigt Unterwasserbilder eines Mondfisches, dieses gigantischen blubbernden Baby-Gesichts. Umschwärmt von Tauchern wie Paparazzi, erinnert der "Riesensoftie" McCarthy an zwei seiner persönlichen Helden: seinen Lehrmeister Christian Burchard, den Embryo-Gründer, und wiederum dessen "Guru" Mal Waldron, den Jazz-Pianisten von Billy Holliday in den Fünfzigern. Sein Stück "Warm Canto" hat er oft mit Embryo gespielt. Einmal im Atomic Café, stand er dabei mit Waldron selbst auf der Bühne. "Wahnsinn", findet er, "es passiert schon auch sauviel Gutes in München, nur bekommt das in London niemand mit." McCarthy schlägt die Brücke.

© SZ vom 30.01.2021
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