Badesport Wenn Erwachsene Schwimmen lernen

Pauline Alt, hat als Abschlussarbeit an der Uni eine Schwimmhilfe entwickelt, mit der Erwachsene (besser) kraulen lernen können.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Schwimmflügel sind vielen peinlich, die Angst vor dem Wasser ist besonders groß. Studentin Pauline Alt hat darum eine Schwimmhilfe entwickelt, die Anfängern die Scheu vor dem Kraulen nehmen soll.

Von Elisa Britzelmeier

Da ist die Angst vor dem Wasser. Die Angst, unterzugehen. Und die Angst, unangenehm aufzufallen. Sich lächerlich zu machen, weil man längst können sollte, was angeblich alle können: schwimmen. Wer als Erwachsener Nichtschwimmer ist, fühlt sich oft außen vor. Die Hürde, irgendwann doch noch schwimmen zu lernen, wird mit der Zeit immer größer, sagen Betroffene. Und wenn sie sich dann entschließen, einen Kurs zu machen, tun sich Erwachsene meist schwerer als Kinder. Was auch damit zusammenhängen könnte, dass sie nicht unbedingt die einfachste Technik lernen.

An diesem Punkt setzt Pauline Alt an, mit einem kleinen Ding, das unauffällig aussieht, aber einen spürbaren Effekt haben soll. Pauline Alt, 24, hat eine Schwimmhilfe entwickelt, speziell für Erwachsene. Ein Halbrund aus Schaumstoff, gebogen und vorne doch spitz zulaufend, die Form erinnert an den Bug eines Schiffes. Man soll damit leichter schwimmen lernen, nicht Brustschwimmen, sondern Kraulen, genauer: die Kraul-Atem-Technik.

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Die Schwimmhilfe legt man an der Stirn an, Pauline Alt macht das an einem sonnigen Morgen im Freibad vor und krault los, mit gleichmäßigen Zügen, ein Arm, dann der andere, den Kopf hat sie unter Wasser. Die Schwimmhilfe erleichtert das Atmen. Sie unterstützt auch für Anfänger das, was geübte Kraulschwimmer wie Alt ohnehin beherrschen, und erzeugt eine Bugwelle, hinter der Luft geholt wird. "Wavelet" hat Pauline Alt die Schwimmhilfe darum genannt, kleine Welle (das sieht in etwa so aus).

Die Entwicklung war Alts Bachelorarbeit in Industriedesign an der Hochschule München. Davor hat sie als Schwimmlehrerin gearbeitet, für Kinder und für Erwachsene, und dabei sah sie, wie viel größer die Angst bei Erwachsenen ist. Weil sie traumatische Erfahrungen gemacht oder früher einmal Wasser geschluckt und Panik bekommen haben. Und weil Erwachsene einfach nicht so schnell lernen wie Kinder, nicht so spielerisch.

Alt sah in den Kursen auch: Männer und Frauen mit Schwimmflügeln. Nicht nur den Anfängern war das oft peinlich, gerade wenn sie beobachtet wurden, auch Alt selbst war es unangenehm. "Erwachsene kommen sich schnell blöd vor", sagt sie. Was wäre, wenn man mit Kraulen anfinge statt mit Brustschwimmen? Und wenn es dafür Hilfen gäbe, gerade für das wichtigste, die Kopfhaltung? Kraulen, sagt Alt, sei eigentlich der natürlichere Bewegungsablauf. Erst die eine Seite, dann die andere, man kennt das vom Laufen. In anderen Ländern, in den USA und Australien etwa, lernt man eher Kraul- und Rückenschwimmen. Das in Deutschland immer noch standardmäßige Brustschwimmen kommt eigentlich aus dem Militär. Soldaten sollten schwimmen und gleichzeitig Befehle hören können.

In den vergangenen Jahren habe sich manches geändert, sagt Alt, "man hält Kinder inzwischen nicht mehr so sehr davon ab, wenn sie erste Hunde-Paddel-Versuche machen". Aber die Scheu vor dem Kraulen ist groß, auch bei vielen, die Brustschwimmen können. Denn Kraulen heißt immer: Der Kopf muss unter Wasser, und wie um Himmels willen soll man da Luft bekommen? "Wavelet" könnte dabei nicht nur Anfängern helfen, glaubt Pauline Alt. So wie es für andere Techniken bereits Schwimmhilfen gibt, nicht nur peinliche Flügelchen, sondern auch Flossen oder Schwimmbretter. "Die Leute denken oft, sie hätten den Kopf schon voll unter Wasser, nur weil das Gesicht ein bisschen nass wird."

Etwa die Hälfte der Deutschen kann nur unsicher oder gar nicht schwimmen

Es gibt viele Gründe, weshalb Erwachsene Nichtschwimmer sind. Oft fehlte der Schwimmunterricht in der Schule, gerade bei Menschen, die nicht in Deutschland groß geworden sind. Oder man hat sich damals dabei einfach durchgemogelt und mit seinen Eltern nie Badeausflüge gemacht. Später bleibt man dann immer nah am Ufer und kühlt sich nur im seichten Wasser etwas ab. Der Eindruck im Freibad oder am See trügt: So viele gute Schwimmer gibt es gar nicht. Eine repräsentative Umfrage im Auftrag der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft ergab vergangenes Jahr, dass etwa die Hälfte der Deutschen entweder unsicher oder gar nicht schwimmen kann. Dabei spielt auch eine Rolle, dass immer mehr Bäder schließen. Sie kosten einiges für die Kommunen, viele wurden in den Sechzigerjahren gebaut und müssten dringend teuer saniert werden.

Dass es in diesem Sommer mehr Bade-Unfälle gab als im Vorjahr, hat nicht nur mit den vielen heißen Tagen zu tun, sondern auch damit, dass Badende Gefahren unter- und sich selbst überschätzen. Wenn also Erwachsene sich entscheiden, sicher schwimmen zu lernen, dann überwinden sie nicht nur eine Peinlichkeit. Sie befreien sich auch aus einer Lage, die lebensgefährlich werden kann. Pauline Alt möchte diese Befreiung so wenig peinlich wie möglich machen. Dafür hat sie sechs Monate zwischen Werkstatt, Schreibtisch und Schwimmbad verbracht. Sie hatte eine Dauerkarte im Nordbad, hat mit Spiegeln am Boden, Lichtern unter Wasser und Verdickungen in Badeanzügen experimentiert, sie hielt Probestunden mit Kommilitonen und klebte Modelle zusammen. Am Ende stand "Wavelet".

Zugrunde liegt die Idee, dass Schwimmen wie stilles Wissen funktioniert. Das basiert auf Erfahrungen, es ist ein Wissen, das man nicht in Worte fassen kann. Alt erklärt es so: "Man kann etwas, aber man kann gar nicht beschreiben, was man dazu genau macht." Etwa, wenn man ein Bein im 90-Grad-Winkel anbeugt, ein Gesicht erkennt oder eine Sprache spricht. Einmal gelernt, ist der Ablauf einfach abrufbar, so gehe es im Idealfall auch mit dem Kraulen, sagt Alt. Sie könnte sich vorstellen, dass es ihre Schwimmhilfe irgendwann in Schwimmvereinen und -schulen gibt, als Produkt, das sich viele teilen. Doch es soll in jedem Fall bezahlbar sein, so dass es sich auch der Einzelne leisten kann.

Im Herbst fängt Alt ihr Masterstudium in Bozen an, ökosoziales Design, dreisprachig, daneben sucht sie eine Firma. Irgendwann hofft sie, mehr als den Prototypen produzieren zu können. Aus festem Schaumstoff soll "Wavelet" am Ende sein, ähnlich wie eine Schwimmnudel. Die Farbe: eisblau, fast weiß. Im Becken, sagt Alt, soll die Schwimmhilfe leicht wirken und nicht groß auffallen.

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