Ein Restaurant für den ganzen Tag und für sehr unterschiedliche Bedürfnisse – für den Morgenmacchiato ebenso wie für ein gemütliches Mittagessen oder den schnellen Business Lunch, für Snacks oder Kuchen am Nachmittag, den Cocktail an der Bar und auch für das gehobene Menü am Abend. Das ist jetzt sicher kein flächendeckender Trend, aber doch ein Konzept, das sich zuletzt häufiger beobachten ließ. Und folgt man der Marktforschung, dann könnte ein Grund dafür sein, dass sich Zeiten für feste Mahlzeiten (nicht nur) in der Gastronomie wenn nicht auflösen, so doch zunehmend aufweichen.
Das Nice (Dining), das Anfang August im Werksviertel am Ostbahnhof eröffnet hat, will (wochentags) ein solches Restaurant sein, das flexibel auf ganz verschiedene Bedürfnisse der Gäste reagiert, ein anspruchsvolles Konzept. Die Gastronomenfamilie Portenlänger, die bereits das Bio-Hotel Alter Wirt in Grünwald sowie das hippe City-Wirtshaus Xaver’s in der Rumfordstraße führt, wagt sich damit noch ein Stück weiter in die Moderne. Am Herd steht Fabian Huber, der schon im Xaver’s kochte und hier zeitgemäße europäische Küche serviert, bayerisch geerdet mit ein paar Crossover-Vibes sozusagen.
Von zeitgemäßer Schönheit ist auch das Ambiente: schlicht, elegant, aber trotzdem gemütlich. Im Zentrum steht eine Bar aus rotem Marmor, drum herum ist das 100 Gäste fassende Lokal in verschiedene Zonen unterteilt, es gibt niedrige und hohe Tische, Sofa-Nischen für Drinks oder ein glamouröses Separee mit magentafarbener Plüschtapete.
Die Kombination mit dem außergewöhnlich netten Service hier macht das Nice tatsächlich zu einem Ort, an dem man gerne verweilt. So herzlich, aufmerksam, geduldig und dabei unaufdringlich sind wir jedenfalls lange nicht bei Tisch umsorgt worden. Weil spätere Abendtermine ursprünglich ausgebucht waren, hatten wir zum Beispiel bei der Reservierung darum gebeten, uns anzurufen, falls noch ein Tisch frei würde, was dann auch prompt geschah. Es sind solche Dinge, die entscheidend dazu beitragen, dass man sich als Gast willkommen fühlt.

Gestartet sind wir mit einer hausgemachten Yuzu-Limonade (8,50 Euro), erfrischend und angenehm zurückhaltend gesüßt, die Abendkarte hier ist klein, aber ausreichend interessant; und schon die Vorspeisen machten Spaß.
Da wäre die elegant gebeizte Schlierseer Seeforelle, die mit ihrem milden Sauerteigsud, Senfmayo, ein bisschen frischem Meerrettich, Orangenfilets und wenigen Kaviarperlen genau das richtige Maß an Spannung erhielt, ohne dabei den feinen Fischgeschmack zu überdecken, was anspruchsvoller ist, als es vielleicht klingt. Wunderbar auch der Herbst-Kräuter-Salat, der eigentlich ein Hauptgericht war, den wir uns aber als Zwischengang geteilt haben: Ein interessanter Blättermix in reichlich gut ausbalancierter Tahini-Vinaigrette, dazu krosse Topinambur-Chips, gebeizte Gelbe- und Rote-Bete-Würfel und in der Pfanne karamellisierte Trauben. So würden wir uns das öfter wünschen. Es bleibt eines der großen Rätsel der Gastronomie, warum so viele Restaurants das Thema Salat, mit dem sich leicht Punkte machen ließen, so stiefelterlich behandeln.

Hübsch anzusehen und gut angemacht war auch das Rinder-Tatar; Miso, Lauchstroh und Schalottenmayonnaise lieferten Schärfe, Säure und Crunch, wobei das Fleisch streng genommen eine Idee zu fein geschnitten war. Nun mag es auch Geschmackssache sein, wie viel Biss Tatar haben muss, doch in die Nähe der Matschigkeit sollte es eben auch nicht geraten.
Zusammenfassend gefielen uns die Gerichte im Nice durchweg gut, ebenso wie die Qualität der Produkte. Allerdings gab es auch immer wieder kleine handwerkliche Stolperer, die das Vergnügen schmälerten und bei denen die Küche leicht nachjustieren könnte. Manches davon waren sicher Luxusprobleme, doch weil sich in vielen Restaurants die Hauptgerichte mittlerweile preislich der 40-Euro-Marke nähern, wird man als Gast eben ein wenig kritischer.
So hätten wir uns etwa den Hirschrücken (38 Euro) ein wenig rosafarbener gewünscht. Das trotzdem zarte Fleisch hatte eine Spur zu viel Hitze und die Blutwurstkruste darauf (schöne Idee!) hätte großzügiger portioniert sein dürfen. Selleriepüree und Soße dazu waren toll abgeschmeckt, doch als Hooligan auf dem Teller erwies sich dann die Gemüsebeilage: Der Radicchio hatte intensiv in Rotwein gebadet, was ihm eine bittersaure und damit bemerkenswert schlecht gelaunte Form von Weihnachtlichkeit verlieh.

Wunderschön war die zart-saftige, mit einer kräutrigen Farce gefüllte Maishendl-Ballotine (eine Art Schlegelfleisch-Roulade, 33 Euro) mit einem tröstlichen Mix aus Jus und Rahmsoße zu Kartoffelschaum und abgeflämmtem Rosenkohl, der allerdings gerne ein oder zwei Minuten länger hätte garen dürfen. Und als Abschluss ist die „Nice Mousse“ (10 Euro), das Signature-Dessert des Hauses eine echte Empfehlung – intensiv schokoladig, sehr cremig und großzügig portioniert mit sehr gutem Olivenöl und Meersalz serviert.
Auch als eher ruhiges, gemütliches Mittagsziel hat uns das Restaurant gefallen. Es gibt jeweils zwei Tagesgerichte, dazu eine sehr kleine Lunchkarte. Wir wären mit dem in krossem Speck und Salbei gewickelten Saltimbocca vom Schwein auf einem hervorragenden Tomatenrisotto (17 Euro) sowie den Ravioli mit einer gut abgeschmeckten Füllung aus Ricotta und gebratenem Kürbis (14) vollauf zufrieden gewesen. Doch der pure Test-Eifer ließ uns als Vorspeisen auch die Bowl mit Kürbisstreifen, Hummus, Quinoa und Ziegenkäse (15) sowie den großen Salat mit gebratenen Riesengarnelen (17) dazubestellen, weshalb der Kellner freundlich warnte: „Na, da haben Sie sich ja was vorgenommen.“ Nur fürs Protokoll: Es hat gerade so reingepasst. Und gut geschmeckt hat es auch. Aber ein Gericht für die Mittagspause im Nice ist eigentlich ausreichend.
Nice Restaurant, August-Everding-Straße 24, 81671 MünchenTelefon: 089/64193480, Öffnungszeiten: Montag bis Freitag, 9 bis 0 Uhr, Samstag, 18 bis 0 Uhr
Die SZ-Kostprobe
Die Restaurant-Kritik „Kostprobe“ der Süddeutschen Zeitung hat eine lange Tradition: Seit 1975 erscheint sie wöchentlich im Lokalteil, seit einigen Jahren auch online. Etwa ein Dutzend kulinarisch bewanderter Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts – von München, Wissen bis zur Politik – schreiben im Wechsel über die Gastronomie in der Stadt. Die Auswahl ist unendlich, die bayerische Wirtschaft kommt genauso dran wie das griechische Fischlokal, die amerikanische Fast-Food-Kette, der besondere Bratwurststand oder das mit Sternen dekorierte Gourmetlokal. Das Besondere an der SZ-Kostprobe: Die Autorinnen und Autoren schreiben unter Pseudonym, oft ist dies kulinarisch angehaucht. Sie gehen unerkannt etwa zwei- bis dreimal in das zu testende Lokal, je nachdem wie lange das von der Redaktion vorgegebene Budget reicht. Eiserne Grundregeln: hundert Tage Schonfrist, bis sich die Küche eines neuen Lokals eingearbeitet hat. Und: sich nie bei der Arbeit als Restaurantkritiker erwischen lassen – um unbefangen Speis und Trank, Service und Atmosphäre beschreiben zu können.

