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Neuried:Krach um den Kies

In Neuried regt sich Widerstand gegen ein neues Abbaugebiet im Forst Kasten, das zur Hälfte auf Gemeindegebiet liegt

Momentan steht nur eines fest: Es wird wohl bald auch auf Neurieder Grund eine weitere Grube für den Kiesabbau gehen. Eine entsprechende Ausschreibung der Heiliggeistspital-Stiftung, der Eigentümerin des Grundes, läuft gerade und soll "voraussichtlich im Herbst dieses Jahres" abgeschlossen werden, teilt die Stiftungsverwaltung mit.

Ausgeschrieben ist eine etwa 9,5 Hektar große Fläche, die "circa je zur Hälfte auf dem Gebiet der Gemeinden Neuried und Planegg" liegt. Nach der endgültigen Abbaugenehmigung könnte in dreieinhalb, vier Jahren damit begonnen werden, in die Tiefe zu buddeln. Bei Neurieder Bürgern regt sich jedoch Widerstand gegen das neue Abbaugebiet. Nun liegt auch eine Klage gegen das Vorgehen der Stiftung vor, was den Tagebau allerdings wohl nicht verhindern wird. Kläger sind aber nicht die Bürger, sondern das ortsansässige Kiesunternehmen Glück.

Markus Wahl, Geschäftsführer der Kieswerke Glück, weist darauf hin, dass es einen Vertrag zwischen den Kieswerken und der Heiliggeistspital-Stiftung gibt, der seinem Unternehmen zusichert, im Forst Kasten Kies zu fördern - sollte das genehmigt werden. Aufgrund dieser Zusage habe Glück ein unterirdisches Förderband verlegt, das die Abbaugebiete und das Firmengelände an der Würmtalstraße verbindet. "Wir haben die Infrastruktur", sagt er. In der europaweiten Ausschreibung sieht er einen Vertragsbruch. Die Stiftungsverwaltung bestätigt, dass eine Klage vorliegt. Zu deren Inhalt will sie sich aber nicht äußern, da man laufende Verfahren nicht kommentiere. Die Stiftung sehe sich an vergaberechtliche Bestimmungen gebunden, eine Ausschreibung sei daher "erforderlich". Wahl geht davon aus, dass Ende dieses Jahres ein Gericht entscheiden wird.

Klage hin oder her: Zunächst ist die Sache rechtlich ziemlich eindeutig. Die für den Kiesabbau ausgeschriebene Fläche im Forst Kasten liegt "vollständig" in einem sogenannten Vorranggebiet, so die Stiftung. Vorranggebiete werden ausgewiesen, um die regionale Versorgung mit Bodenschätzen sicherzustellen. Und im Forst Kasten gibt es eine Menge Kies, der für das Bauen in der Region München benötigt wird.

Insgesamt gehören der Heiliggeistspital-Stiftung im Forst Kasten 45 Hektar, die auf diese Weise für den Kiesabbau vorgesehen sind. Schlicht gesagt gilt dort: "Der Kiesabbau hat Vorrang", sagt Rechtsanwältin Kerstin Funk. Das geht so weit, dass eine Abbaugenehmigung auch dann erteilt wird, wenn die Gemeinde Neuried das auf ihrem Gebiet nicht will. Denn letztlich genehmigt das Landratsamt München den Kiesabbau und diese Behörde teilt mit: "Sofern ein Rechtsanspruch auf eine Genehmigung besteht, hat das Landratsamt diese zu erteilen". Für das Neurieder Rathaus heißt das kurz gesagt: Wollt ihr nicht? Pech gehabt.

Bürgermeister Harald Zipfel (SPD) will trotzdem nicht tatenlos zusehen. Er kann sich vorstellen, als Gemeinde sogenannte "Konzentrationsabbauflächen" auszuweisen. Damit schreibt die Gemeinde konkrete Bereiche vor, in denen sie das Buddeln im Boden erlaubt. So könnte man das Abbaugebiet auf Bereiche beschränken, die "nah an der Umgehungsstraße" oder "mindestens 800 Meter von einer Wohnbebauung entfernt" liegen, sagt Zipfel. Mittelfristig will er die Frage aufwerfen, warum es dieses Vorranggebiet überhaupt geben muss. Es sei unsinnig, in der Nähe eines Wohngebiets und auf einer Naherholungsfläche Kies abzubauen.

Auch Gegner des Kiesabbaus im Wald zwischen Neuried und Planegg wie das Ehepaar Katrin und Christian Koller räumen ein, dass es "rechtlich schwierig" wird, den Tagebau zu verhindern. Gemeinsam engagieren sie sich bei "Wald Neuried erhalten", einem Zusammenschluss von etwa 20 Neurieder Bürgern, die sich gegen den weiteren Kiesabbau stellen. "Wir lehnen jede weitere Rodung des Waldes zugunsten des Kiesabbaus ab", sagt Katrin Koller. Denn sollte einmal Kies gefördert werden, befürchten sie, dass mehr als 70 Lastwagen täglich durch den Neurieder Wald donnern, erhebliche Beeinträchtigungen beim Luftschutz, bei der Artenvielfalt und den Verlust eines stadtnahen Naherholungsgebiets inklusive. Denn sollte nicht Glück mit seinem unterirdischen Förderband abbauen, müssten wohl Lastwagen den Kies abtransportieren, so die Befürchtung. Den Glauben an die vorgeschriebene Aufforstung, wenn es keinen Kies mehr abzubauen gibt, haben sie verloren. "Das funktioniert nicht", haben sie bei den bisherigen Kiesflächen beobachtet. Allenfalls werde minderwertiger Humus aufgeschüttet, der zu "Schädlingsproblemen" führe.

Die Stiftungsverwaltung versichert "Verständnis für die berechtigten Fragen und Sorgen der Bevölkerung" zu haben und will bei den "weiteren Planungen weitestmöglich darauf Rücksicht nehmen". Aber, das betont sie auch, man sei "gesetzlich verpflichtet", den Grund zu bewirtschaften, um "Erträge für den Stiftungszweck zu generieren". Der Heiliggeistspital-Stiftung gehört das Altenheim Heiliggeist in Neuhausen.