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Neuperlach:Zoo auf Zeit

Bevor das Quiddezentrum einem Neubau weichen muss, hat das Künstlerkollektiv "Der blaue Vogel" hier eine bunte Welt mit skurrilen Tieren und Fabelwesen an die Wände gebannt. Am Sonntag wird das Projekt mit einem Fest eröffnet

Von Hubert Grundner, Neuperlach

Zugegeben, als im Mai 2011 Elefantenbulle Ludwig zur Welt kam, da war München um eine Attraktion reicher. Wer aber hätte im Tierpark Hellabrunn je einen ausgewachsenen, blauen Elefanten gesehen, der lässig in einer Hängematte schaukelt? Keiner. Um das zu erleben, muss man schon den "Neuperlacher Zoo" besuchen. Dort hat eine Gruppe von Street-Art-Künstlern in den vergangenen vier Monaten das ehemalige Quiddezentrum in ein Freiluftgehege der besonderen Art verwandelt. Entstanden ist eine Welt voller skurriler Tierarten und angsteinflößender Mischwesen, die sich mit Hilfe von Pinsel, Sprühdose, Farbeimer und der Förderung durch die Stadt München im verlassenen Einkaufszentrum angesiedelt haben.

Betreten kann man diese märchenhafte Welt durch das erste Wandbild. Auf den Seiten eines aufgeschlagenen Buches prangt die Zauberformel aller Märchen: "Es war einmal in einem längst vergessenen Zentrum." Und über einem Eingangstor steht "Zoo 83", wobei Insider wissen, dass die 83 als Bestandteil der früheren Postleitzahl für Neuperlach steht. Am unteren Bildrand taucht, gut versteckt, bereits die später wiederkehrende Hauptfigur auf - das blaue Nashorn mit dem goldenen Schlüssel im Maul. Es befreit die anderen Tiere und führt den Betrachter durch die Geschichte. Eine Bildergeschichte, die mit monströsen Figuren ebenso aufwartet wie mit kleinen, anspielungsreichen Details, die man nicht übersehen sollte. Erwachsene und Kinder dürften gleichermaßen großes Vergnügen daran haben, den Fabelwesen durch die ehemalige Einkaufspassage zu folgen.

Die Idee zu dem Projekt hatten Robert Posselt und Samuel Feustel vom Künstlerkollektiv "Der blaue Vogel". Sie erarbeiteten das Konzept, überzeugten dann die WSB Bayern als Eigentümerin des Quiddezentrums davon und holten schließlich noch die Stadt als Geldgeberin mit ins Boot. Vor allem aber konnten sie bekannte und befreundete Künstlerinnen und Künstler dafür gewinnen, mitzumachen.

Der Ausgangsgedanke war, wie Posselt erklärt, relativ einfach: Der 33-Jährige, der vor etwa sieben Jahren nach Neuperlach zog und mittlerweile mit Frau und zwei Kindern hier lebt, mag das Viertel wirklich, wie er beteuert. Allerdings, so schränkt er ein, sei Neuperlach halt eine Schlafstadt. Öffentliches Leben finde praktisch nicht statt, da es so gut wie keine geeigneten Einrichtungen gibt. "Wir wollten darauf aufmerksam machen, dass es an kulturellen Orten fehlt", sagt Posselt, der als angestellter Psychotherapeut seinen Lebensunterhalt verdient - ansonsten aber einen gestandenen Graffiti-Künstler abgibt, wie jetzt an mehreren Stellen des Quiddezentrums zu sehen ist. Jedenfalls beschlossen Feustel und er, einen Zoo zu gründen. Bevölkert werden sollte er, und das war praktisch die einzige Vorgabe für die teilnehmenden Künstler, mit blauen Tieren. Die Geschichte beziehungsweise die vielen einzelnen Geschichten, die sich zu einer großen, fantastischen Erzählung aneinanderreihen, ergaben sich dann fast von alleine.

Wobei die Geschichte von der Befreiung der Tiere aus ihrem Zoo-Gefängnis wohl als Fabel auf die Befreiung des Menschen aus seinen Denk- und sonstigen Gewohnheiten gesehen werden darf. Vermutlich aber hat Robert Posselt doch Recht, wenn er sagt: "Es sind viele verschiedene Sichtweisen möglich."

Zu dieser Geschichte in fantastischen Bildern gehört ebenso, dass sie nur begrenzte Zeit zu sehen sein wird. Das Quiddezentrum soll abgerissen und durch Neubauten ersetzt werden. Dann wird mit der Zwischennutzung unter anderem als Kunsttreff, Kindertheater und Atelier endgültig Schluss sein. Dabei erfreut sich das einstige Ladenzentrum stetig steigender Beliebtheit und eines wachsenden Respekts unter Kunstliebhabern. Doch auf das Ende will Posselt nicht zu viele Gedanken verschwenden. Jetzt geht es ihm und seinen Mitstreitern darum, diesen öffentlichen Raum zu nutzen, mittels Kunst Gemeinschaft herzustellen. "Vielleicht liefert ja gerade das Bewusstsein, dass etwas vergänglich ist, den Antrieb, etwas zu machen", sinniert er.

Bei den direkten Nachbarn scheint das Street-Art-Projekt jedenfalls gut anzukommen. Als an einer Wand das Zebra mit Trompete fertig war, so erzählt Posselt, gab es Applaus von den Zuschauern auf einem Balkon. Noch schöner wäre es, wenn sie und möglichst viele weitere Besucher am Sonntag, 19. Juni, zwischen 14 und 18 Uhr ins ehemalige Quiddezentrum an der Quiddestraße 45 kommen, wenn die Tierschau eröffnet wird. Dabei wird um 15 Uhr eine Führung mit Robert Posselt durch die einzelnen Gehege angeboten. Danach dürfte es mit Sicherheit genügend Diskussionsstoff zur Vergänglichkeit des urbanen Raums geben. Parallel werden im Kunsttreff Fotos zur Entstehung des Projekts sowie weitere Arbeiten der beteiligten Street-Art-Künstler ausgestellt. Außerdem spielt der Gitarrist Adrian Ingerl, und um 16 Uhr hebt sich der Vorhang des Puppentheaters, gezeigt wird das Stück "Der falsche Prinz".

© SZ vom 16.06.2016
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