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Neuperlach:Leben im Hochhausschatten

Bei einem Info-Markt zur Bebauung des Siemens-Parkplatzes regt sich deutlicher Unmut. Anwohner und Bürgerinitiative fürchten 45 Meter hohe Bauten und kritisieren "Investoren­veranstaltung"

Von Julius Bretzel, Neuperlach

Die Planung des Wohnquartiers mit bis zu 750 Wohnungen auf dem nördlichen Siemens-Parkplatz geht in eine neue Phase: Jetzt steht die Auslobung des städtebaulichen und landschaftsplanerischen Wettbewerbs an. Die inzwischen abgeschlossenen Voruntersuchungen geben dabei die Rahmenbedingungen vor. Bei einem "Info-Markt" wurden die Anwohner der umliegenden Gebiete jetzt über den aktuellen Projektstand informiert und hatten Gelegenheit, die Vorlage zu kommentieren beziehungsweise eigene Anregungen einzubringen. Die Reaktionen fielen heftig aus: Vor allem mögliche künftige Bauhöhen im neuen Quartier - die Rede ist von bis zu 45 Meter hohen Häusern - erregten Protest. Diesen formulierte allen voran eine eigens gegründete Bürgerinitiative, die mehr als 700 Unterschriften gesammelt und bei der Gelegenheit übergeben hat. Heftig kritisiert wurde bei der Informationsrunde außerdem das Prozedere der Veranstaltung selbst.

Planungsbehörden der Stadt wie auch externe Architekten hatten sich an die entsprechenden Voruntersuchungen für das Gebiet Ecke Carl-Wery-Straße und Otto-Hahn-Ring gemacht. Erarbeitet wurden neben städtebaulichen Aspekten auch Erfordernisse für die soziale Infrastruktur sowie notwendige ökologische Gestaltungskriterien. So soll beispielsweise der begrünte Erdwall zur nördlich angrenzenden Wohnsiedlung weitestgehend erhalten bleiben. Auch Lärmschutzmaßnahmen und die Fläche für potenziellen Wohnungsbau sind festgelegt.

Neben den damit vorliegenden Rahmendaten konnten die Nachbarn aus den umliegenden Siedlungen beim "Info-Markt" auch mit den Investoren und städtischen Planungsfachleuten ins Gespräch kommen. Und die bekamen ordentlich was zu hören: Besonders die möglichen Höhen der künftigen Häuser der Siedlung stießen dabei auf Ablehnung der Bürger. "Was am Ende rauskommt, sind Schattenquartiere", befürchtete ein Anwohner der angrenzenden Siedlung. Investor Frank Kindermann betonte dagegen, dass die Hochpunkte nicht zwingend seien. Er vertritt die BSC-Grundstücksgesellschaft, die seit 2010 Eigentümerin des gesamten Siemens-Areals ist. "Wir haben nicht vor, das Gebiet bis aufs Letzte auszupressen," sagte er. Ob und wo Hochhäuser entstehen könnten, hänge von den Ideen der Architekten ab, die sich erst später am offenen Wettbewerb beteiligen. Eines der Planungsziele sei jedoch, dass das Gebiet einen Übergang von der kleinteiligen Siedlung zu den Hochhäusern nördlich des Otto-Hahn-Rings bilde. Doch die Sorgen der Bürger betrafen nicht nur die Pläne für den Parkplatz. Sie befürchten zudem, dass sich die Bebauung langfristig auch auf die übrigen Flächen des Siemensgeländes ausweiten könnte. "Das Kerngelände steht noch nicht zur Debatte", erklärte Kindermann.

"Wir haben hier einfach schon zu viele Negativbeispiele für hohes Bauen", sagte Monika Kastin. Sie wohnt nördlich der Fläche, die bebaut werden soll, und hat wie viele Angst um ihr Viertel. Diese motiviert zahlreiche Neuperlacher zum Handeln: Eine Bürgerinitiative hat Einwände und Bedingungen formuliert und über 700 Unterschriften gesammelt. Diese überreichten die Initiatoren Ulrich Höhnberg und Reinhardt beim "Info-Markt" stellvertretend an Frank Kindermann. Dieser versicherte: "Wir nehmen das entgegen und werden es den Ergebnissen dieser Veranstaltung beilegen."

Kritische Mienen: Neuperlacher Anwohner haken genau nach.

(Foto: Moses Omeogo)

Doch nicht nur manche Vorhaben des Investors, auch das Konzept der Info-Veranstaltung selbst traf auf skeptische Stimmen: "Wichtig ist, dass die Veranstaltung nicht nur zu unserer Beruhigung gemacht wird", sagte eine Anwohnerin. Thomas Kauer, Vorsitzender des Bezirksausschusses Ramersdorf-Perlach, wurde schärfer: "Was ist denn das für eine Veranstaltung, bei der anhand von vorgefertigten Formulierungen die Meinung der Bürger abgefragt wird?" Es handle sich um eine reine Investorveranstaltung, die kaum demokratischen Ansprüchen genügen könne.

Die Landschaftsarchitektinnen Birgit Kröniger und Rita Lex-Kerfers sahen das anders. Sie gehören zu den Fachpreisrichterinnen des anlaufenden Wettbewerbs und wollten beim "Info-Markt" die Stimmung der Anwohner aufnehmen. "Natürlich fließt dieses Hintergrundrauschen in den Zusammenhang ein, nach dem wir beurteilen", sagte Lex-Kerfers. Ihre Kollegin ergänzte: "Solche Veranstaltungen lenken den Blick auf bestimmte Aspekte." Reine Alibi-Runden seien dies nicht - und dürften es auch nicht sein.

Inwieweit die Wünsche der Anwohner in die Ergebnisse des offenen Architekturwettbewerb und in den weiteren Planungsablauf tatsächlich einfließen, wird sich voraussichtlich bei einer weiteren Informationsveranstaltung für Bürger zeigen. Diese ist für Februar 2020 angesetzt.

© SZ vom 25.10.2019

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