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Neuperlach:Großer Plan, böse Überraschung

U-Bahn-Betriebshof

Mega-Projekt: 2026 soll der neue U-Bahn-Betriebshof die Arbeit aufnehmen. Visualisierung: SWM/MVG

In einer Online-Veranstaltung informieren die Verkehrsbetriebe über den neuen U-Bahn-Betriebshof Süd an der Arnold-Sommerfeld-Straße. Vor allem ein 700 Meter langes Abnahmegleis zum Testen von Bremsen führt bei Anwohnern zu Bedenken. Doch am Projekt ist nicht mehr zu rütteln

Von Benjamin Stolz, Neuperlach

Als die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) in der Online-Veranstaltung endlich den konkreten Umriss des umstrittenen geplanten U-Bahn-Betriebshofs Süd in Neuperlach enthüllte, war das Interesse der Bürger groß. Gut 400 hatten sich im Vorhinein angemeldet, um dem lange erwarteten Vortrag über das Megaprojekt zuzusehen. "Da müssen Sie lange googeln, bis Sie ein so großes U-Bahn-Netz finden, das nur einen Betriebshof hat", unterstrich Thomas Nowak von den Stadtwerken München (SWM) die Notwendigkeit des Baus. Der MVG gegenüber - oder gleich nebenan - stehen Anrainer der Wohngebiete Neubiberg und Waldperlach, die den zweiten Betriebshof nach Fröttmaning aus Furcht vor Lärmbelästigung nicht vor ihren Haustüren wissen wollen.

Geht aus Sicht der MVG im laufenden Planfeststellungsverfahren weiterhin alles gut, dann wird das Areal zwischen Arnold-Sommerfeld-Straße und Lise-Meitner-Weg von 2024 an komplett umgestaltet: Fünf neue, bis zu dreistöckige Gebäudekomplexe wollen die SWM auf dem Grundstück errichten lassen, das künftig unter anderem eine Abstellanlage für Züge, eine Werkstatt- und eine Waschhalle, Lager- und Bürogebäude sowie ein Testgleis für U-Bahnen beherbergen soll. Zusätzlich geplant sind möglichst barrierefreie Fahr-, Rad- und Gehwege rund um den Betriebshof und eine Mobilitätsstation mit E-Scootern und Fahrrad-Abstellplätzen. Die Kosten bis zur stufenweise Inbetriebnahme im Jahr 2026 belaufen sich laut Projektleiter Florian Bals auf 200 Millionen Euro.

Die Nutzung des Gebiets, auf dem der Betriebshof entstehen wird, ist seit Jahren Anlass heftiger Diskussionen im Bezirksausschuss Ramersdorf-Perlach und darüber hinaus. In der Vergangenheit hätten auf dem Feld zwischen der U-Bahn-Station Neuperlach-Süd und den Wohngebieten von Waldperlach und Neubiberg unter anderem ein Großmengen-Wertstoffhof und ein Busdepot entstehen sollen. Ersterer wurde nach Gegenwind aus Perlach von Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) wieder abgeblasen, der Busparkplatz, ebenfalls nach Protesten, nach Fröttmaning verlegt. In der Projektpräsentation des kommenden U-Bahn-Betriebshofs standen die Zeichen wenig überraschend auf Deeskalation. Selbst der Bezirksausschuss-Vorsitzende Thomas Kauer (CSU), der sich früher gegen eine Überbauung des Areals ausgesprochen hatte, schickte eine versöhnliche Videobotschaft: "Politisch ist die Entscheidung für diesen Standort längst gefallen. Jetzt geht es um Themen des Lärmschutzes, der Straßenführung und der Landschaftsgestaltung." Mehrmals ermunterte Moderatorin Monika Arzberger die Teilnehmer, Fragen in das digitale Feld unter den Stream zu schreiben. Nach dem anderthalbstündigen Vortrag der wichtigsten Beteiligten am Baugeschehen standen 300 Fragen einer knappen Stunde Diskussionszeit gegenüber.

Die größte Sorge der Bürger galt klar dem Lärm - bedingt durch das 700 Meter lange Abnahmegleis, auf dem die Bremsen der U-Bahn-Züge mit Geschwindigkeiten von 30 bis 60 Stundenkilometern getestet werden. "Gemäß den Vorgaben werden alle Schallgrenzen eingehalten", sagte Bals zu den zahlreichen Fragen. Die schalltechnischen Untersuchungen wurden außerdem unter der Prämisse eines 24-Stunden-Schichtbetriebs eingeholt, der dort nach kurzer Probezeit 2027 anlaufen wird. Christian Karch, der von seinem Haus in Neubiberg in wenigen Jahren auf das Abnahmegleis blicken wird, ist verärgert: "Bisher hat die MVG immer kommuniziert, dass der Betrieb der Bremstestanlage nur tagsüber - keineswegs nachts - stattfindet." Laut Schallgutachten sind auf dem Gleis des Betriebshofs auch zwischen 22 und sechs Uhr maximal 120 Bremsversuche erlaubt. Bis zu acht Meter hohe Lärmschutzwände sollen die dabei entstehenden Geräusche abfangen. Karch befürchtet trotzdem eine Lärmbelästigung, denn das parallel zu den Gleisen der S 7 verlaufende Abnahmegleis reiche "ins freie Feld hinein".

Ein zweiter Betriebshof ist für die MVG unabdingbar: 90 Züge benötigen einmal pro Tag einen Boxenstopp. "Die Verfahrensschritte zur Beteiligung der Öffentlichkeit und der Behörden sind abgeschlossen", erklärte Arne Lorz, Leiter der Stadtentwicklungsplanung. Der Vorschlag aus dem Publikum, unterirdisch zu bauen, würde die Kosten laut Bals, "vervierfachen". Nach zweieinhalb Stunden kurze Verabschiedung und weiße Dankesworte auf grauem Hintergrund - so grau wie die Fassade des künftigen Betriebshofs.

© SZ vom 17.05.2021
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