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Neuperlach:Geliebt, vermisst, kann weg

Das Förderprogramm "Soziale Stadt" soll in den kommenden zwei Jahren einiges im Viertel aufpeppen. Erster Schritt der Sanierung: Die Bürger schreiben Wunsch- und Kritikzettel

Von Julian Raff, Neuperlach

Ein "Sanierungsfall", was ja schlicht "marode" impliziert, ist der Stadtteil kurz vor seinem 53. Geburtstag sicher nicht. So viel stand fest am Beginn der Auftaktveranstaltung zur Vorbereitung einer umfangreichen "Stadtsanierung" - und es wurde im Laufe des Abends immer klarer, trotz vielfältiger Verbesserungswünsche.

Mit 250 Plätzen hatte das Planungsreferat die Schulmensa an der Quiddestraße genau richtig bestuhlen lassen, um Bürger, Kommunalpolitiker, Stadtfunktionäre und externe Fachleute aufzunehmen. In der Mitte des Saals breitete sich eine eindrucksvolle Luftbildkarte von Neuperlach am Boden aus, auf der die Besucher mit kleinen Holzhäuschen im Monopoly-Stil markieren konnten, wo sie im Stadtteil zu Hause sind oder sich zu Hause fühlen. Die Klötzchen verteilten sich erstaunlich gleichmäßig über das knapp 500 Hektar und rund 40 000 Einwohner umfassende Untersuchungs- und Sanierungsgebiet, das lediglich Teile von Neuperlach-Süd ausspart.

Über zehn bis 15 Jahre hinweg und teils aus Bundesmitteln gefördert, will die Stadt dort unter anderem Wohnungssanierungen anschieben, Grün- und Aufenthaltsflächen verschönern und dem Klimawandel anpassen, Kultur- und Bildungsangebote sowie die Verkehrsanbindung verbessern. Die brisante Frage, wie viel Verdichtung im Projekt steckt, blieb erst einmal außen vor. Auf jeden Fall sollen sich die Bürger nun am vorbereitenden "integrierten Stadtteilentwicklungskonzept" mit Anregungen und Kritik beteiligen, wie bei solchen Projekten mittlerweile üblich.

Handlungskonzept Neuperlach

Wie Monopoly spielen: Auf die große Luftbildkarte konnten die Besucherinnen und Besucher in der Schulmensa an der Quiddestraße mit Klötzchen markieren, wo in Neuperlach sie sich zu Hause fühlen.

(Foto: Florian Freund)

Wie weit das Meinungsbild im Saal die Lage draußen wirklich spiegelt, blieb unklar. Junge Leute unter 25 waren ebenso unterrepräsentiert wie die ganz alten oder Neuperlacher mit sprachlich hörbarem Migrationshintergrund. Nicht angesprochen fühlten sich offenbar auch Wutbürger, falls es die dort überhaupt gibt. Stattdessen prägte den Abend ein selbstbewusstes Wir-Gefühl: Als sich Moderator Daniel Luchterhandt nach aktiven Ehrenamtlichen erkundigte, stand mehr als der halbe Saal unter Applaus auf. Der Bezirksausschuss-Vorsitzende Thomas Kauer (CSU) empfahl den Stadtteil sogar halbernst als Urlaubsziel. Soweit an den Zettelwänden ablesbar, schätzen die Neuperlacher ihre vielen kleinen Grünanlagen, den Hachinger Bach, vor allem aber den Ostpark samt Michaelibad und Eisbahn. Saubere, jederzeit zugängliche Toiletten könnte der Park freilich schon vertragen, während die Grillzone sowohl unter "geliebt" gelistet wurde als auch unter "kann weg".

Auf letztgenannter Liste finden sich mehrfach "oberirdische Parkplätze" oder schlicht "Autos". Gleichzeitig herrscht wohl recht hohe Zufriedenheit mit dem öffentlichen Verkehr, der sich aber ausbauen ließe, zum Beispiel in Form einer Tramlinie zum Ostbahnhof. Gerne verzichten könnten die Neuperlacher offenbar auf die Ständlerstraße und andere trennende Stadtautobahnen. Sollte sich dieser Wunsch als repräsentativ erweisen, könnten Planer ihn als langfristig und teilweise umsetzbare Anregung mitnehmen und neue Brücken oder Verschmälerungen konzipieren. Schwieriger dürfte das mit den Aufzugtüren in Zwischenetagen werden, die einst in Masse gebaut wurden und vielen gealterten Bewohnern nun das Leben unnötig schwer machen. In der "Vermisst"-Rubrik finden sich unter anderem ein "echtes" Postamt oder ein Programmkino. Klar angeführt wird die Liste vom Bürgerhaus am Hanns-Seidel-Platz. "Ich verstehe auch nicht, warum mir das mindestens drei Vorgänger überlassen haben", kommentierte Stadtbaurätin Elisabeth Merk das 50-Jahres-Projekt, dessen Einweihung zu eigenen Amtszeiten sie auch nicht versprechen wollte.

Handlungskonzept Neuperlach

Am Anfang war... der Zettel, wie bei jedem Prozess mit Bürgerbeteiligung auch bei Neuperlachs Sanierungsprozess.

(Foto: Florian Freund)

Die Bürgerbeteiligung soll im März und April mit Vorbereitungsgesprächen fortgesetzt werden. Von 4. bis 9. Mai folgt eine Aktionswoche mit anschließenden Vertiefungsgesprächen im Juni/ Juli und schließlich eine Abschlussveranstaltung im Herbst. Das Entwicklungskonzept soll dann binnen zwei Jahren stehen.

© SZ vom 14.02.2020

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