Neuhausen/Nymphenburg "Anspeien hätte ich mich mögen"

Totenkopf als Emblem: Ein Freikorps-Panzerwagen steht auf diesem Foto aus dem Jahr 1919 vor Schloss Nymphenburg.

(Foto: Geschichtswerkstatt Neuhausen)

Auch der Schriftsteller Oskar Maria Graf wird zitiert in den Revolutionsgeschichte(n) aus Neuhausen-Nymphenburg

Von Sonja Niesmann, Neuhausen/Nymphenburg

Die Menschen hungerten, nicht nur buchstäblich, sondern auch nach einer anderen, gerechteren Gesellschaft. Zu Tausenden gingen sie im November 1918 auf die Straße. Auch der bayerische Schriftsteller Oskar Maria Graf verbrachte diese Tage und Wochen der Revolution größtenteils in München - allerdings mit wüsten Fress- und Saufgelagen in der Villa des holländischen Millionärs Anthony van Hoboken an der Walhallastraße 1 (heute 1 a) in Nymphenburg. Später schämte sich Graf sehr dafür: "Anspeien hätte ich mich mögen", schrieb er.

Zu erfahren ist das in der kleinen Ausstellung "Revolutionsgeschichte(n) aus Neuhausen-Nymphenburg", die die Neuhauser Geschichtswerkstatt dem kaum mehr überschaubaren Reigen von Ausstellungen, Lesungen und Vorträgen zu Revolution, Räterepublik und 100 Jahre Demokratie in Bayern anfügt. "Denn immerhin war das Viertel vom ersten Tag an involviert", betont Geschichtswerkstatt-Vorsitzender Franz Schröther: Von der Guldeinschule im Westend zogen die Revolutionäre über die Donnersbergerbrücke ins Neuhauser Kasernenviertel, wo etwa 60 Prozent der Münchner Garnison stationiert war, vorbei auch am Militärgefängnis an der Leonrodstraße, im Volksmund aus nicht nachvollziehbarem Grund "der Franzl" genannt. Den Wächtern im Franzl wurde es angesichts der nahenden Schar reichlich unwohl; schließlich trennten sie kurzerhand die Kokarden von ihren Mützen ab, sperrten sich selbst ein und ließen sich von den Revolutionären "befreien".

Eigentlich plante die Hobby-Historiker-Truppe um Schröther ein Buch, aber schnell stellte sich heraus, dass es angesichts des dünnen Archivmaterials nicht einmal zu einem Büchlein reichen würde.

Deshalb sind die Neuhauser Revolutionsgeschichten nun zum Schwerpunktthema in zwei Heften der "Werkstattnachrichten" verarbeitet worden; das erste, soeben erschienene, beschäftigt sich mit der Zeit von November 1918 bis zum 21. Februar 1919, dem Tag der Ermordung Kurt Eisners. Ein zweites Heft, das die Zeit bis Mai 1919 beleuchtet, folgt im Sommer 2019.

Begleitend dazu gibt es in der Ausstellung in der Neuhauser Stadtbibliothek ein bisschen textlastige Schautafeln. Sie betten das Geschehen im Stadtviertel in einen breiter gespannten Bogen ein - etwa den erzwungenen Auszug von Prinz Ludwig Ferdinand aus Schloss Nymphenburg, wo der vom Volk meist "der Ferdl" genannte Wittelsbacher in seiner Praxis die Nymphenburger kostenlos behandelte, oder die bestialische Ermordung des 18-jährigen Neuhauser Eisendrehers Johann Lehner beim Rachefeldzug von Reichswehr und Freikorps . Das Schlaglicht im Tunnelblick ausschließlich aufs Viertel zu richten, "das wär' ja nicht gegangen", so Schröther.

"Revolutionsgeschichte(n) aus Neuhausen-Nymphenburg, bis 5. Januar in der Stadtbibliothek, Nymphenburger Straße 171 a, Dienstag bis Freitag von 10 bis 19 Uhr, Samstag von 10 bis 15 Uhr. An diesem Dienstag, 20. November, 19.30 Uhr, Vortrag mit Bildern von Franz Schröther zum Thema. Das Begleitheft, Nr. 41 der Werkstattnachrichten, ist für sieben Euro erhältlich im Buchhandel oder bei der Geschichtswerkstatt (Tel.: 17 999 689).