bedeckt München 22°
vgwortpixel

Neuhausen/Nymphenburg:Grenzwertig

Während der örtliche Bezirksausschuss die Pläne für das Paketpost-Areal mit seinen 155 Meter hohen Doppeltürmen grundsätzlich begrüßt, regt sich bei Bürgern nun doch Unmut gegen das Bauprojekt

Worte können verniedlichen. Als Andreas Uhmann vom städtischen Planungsreferat zum wiederholten Male von den "Hochpunkten" sprach, platzte einer Zuhörerin im Neuhauser Bezirksausschuss (BA) der Kragen: "Nennen Sie es doch beim Namen! Das sind Hochhäuser." Ziemlich gen Himmel strebende zudem. 155 Meter hoch sind die Doppeltürme mit ihrer konkaven Wölbung, die der Investor Ralf Büschl neben die Paketposthalle an der Friedenheimer Brücke setzen will, so hoch wie die Halle lang. Die denkmalgeschützte Halle aus den 1960-er Jahren soll ein öffentlicher Ort für Kultur und Veranstaltungen werden, ein "überdachter Marktplatz", wie Uhmann sagte. Neben der Halle gruppieren sich sechsgeschossige Wohnblöcke mit begrünten Innenhöfen. Den Stadtviertelvertretern gefällt dieser "Masterplan" genannte Entwurf des renommierten Schweizer Architekturbüros Herzog & de Meuron für das Paketpost-Areal - wünschen sie sich doch seit Jahren, dass die riesige, jetzt noch als Briefverteilzentrum dienende Raumhülle mit Kultur gefüllt wird. Münchens neuen Konzertsaal hätten sie dort liebend gern gehabt oder wenigstens die Interimsspielstätte für die Münchner Philharmoniker während der Gasteig-Sanierung. Mit nur einer Gegenstimme (Daniela Thiele von den Grünen) begrüßte der BA "grundsätzlich die geplante Entwicklung des Gebiets", die "Hochpunkte" erscheinen ihm an dieser Stelle "schlüssig".

Das Zuckerl, das eine dichte und hohe neue Bebauung an der Friedenheimer Brücke versüßt: Die Paketposthalle soll ein öffentlich zugänglicher, kulturell genutzter Raum werden. Visualisierung: Herzog & de Meuron

Teils recht massive Kritik dagegen äußerten einige der zahlreich in die Sitzung gekommenen Zuhörer. Wolfgang Czisch vom Münchner Forum pochte auf den Bürgerentscheid von 2004, der Hochhäuser auf 100 Meter begrenzt und kündigte an: "Wir werden uns dagegen wehren, dass man hier eine Wende einleitet." Ein Bürger wollte wissen, was passiere, falls die Hochhausstudie, die die Stadt gerade erarbeiten lässt, negativ ausfällt: "Kann der Investor dann mit der Halle machen, was er will? Ohne all die kulturellen und sozialen Schmankerl?" Ein anderer stieß sich daran, dass es keine Alternativentwürfe gegeben hat. Dafür habe es, so Uhmann, ein Begleitgremium gegeben, besetzt mit Stadtbaurätin, Denkmalschutz, Stadtheimatpfleger und Politikern.

Thomas Madl, den Leiter der Neuhauser Polizeiinspektion, treibt die Frage um, wie viele zusätzliche Menschen in diesem neuen Quartier im jetzt schon zweitgrößten Stadtbezirk wohnen und arbeiten werden. "Einige tausend", erwiderte Uhmann vage, "wie gesagt, das wird ein sehr dichtes Quartier". Andere fürchten um die Sichtachse vor Schloss Nymphenburg. "Das hier", warnte Elke Wendrich, "wird um Längen schlimmer als der O₂-Tower", den man vom Schlossrondell aus links hinten am Horizont aufragen sieht. Ihn störe das nicht, gab Otmar Petz (SPD) etwas hemdsärmelig zurück, wenn rechts noch zwei Türme zu sehen seien. Die Hochhausstudie werde ja zeigen, ob es möglich ist.

Otmar Petz, SPD

"Hier wird schließlich neues Baurecht geschaffen - und das hat seinen Preis. Es kann nicht nur einer der Gewinner sein."

Wünsche und Forderungen, eine lange Liste sogar, speisen die Stadtviertelpolitiker allerdings schon ein ins Bebauungsplanverfahren für das Paketpost-Areal, mit dem sich der Stadtrat voraussichtlich im Oktober befassen wird. "Hier wird schließlich neues Baurecht geschaffen - und das hat seinen Preis", erklärte Petz, "es kann nicht nur einer der Gewinner sein." Als obersten Punkt setzen sie die Forderung, dass die öffentliche Nutzung der 1,9 Hektar großen Halle - im Untergeschoss Kulturräume, im Erdgeschoss Platz für große und auch kleinere Veranstaltungen - "langfristig rechtlich zu sichern" und transparent zu gestalten sei; vor allem für Vereine und Bürger aus dem Viertel sollten keine Hürden aufgebaut werden. Auch bei den anderen Freiräumen müsse rechtzeitig über eine ansprechende Gestaltung diskutiert werden; dass es im Nachhinein schwierig ist, Verbesserungen zu erreichen, zeige sich ja auf der anderen Seite der Friedenheimer Brücke, beim Hirschgartenforum, leider deutlich.

Beteiligung in diesem Planungsprozess will der BA ganz großgeschrieben wissen. Zusätzlich zu öffentlichen Informationsveranstaltungen sowie einer Internetseite, die den Planungsstand aufzeigt, regt er einen interdisziplinären Beirat an, in dem er angemessen vertreten sein will. Auch Erfahrungen und Ideen aus dem Viertel, etwa von Nachbarschaftstreff, Kulturverein oder dem Backstage, sollten einfließen. Auf das vom BA sehr geschätzte Kulturzentrum Backstage übrigens, mahnte Gudrun Piesczek (CSU), müsse der Investor Rücksicht nehmen, "damit es nicht zu Lärmkonflikten kommt".

Was die Wohnmischung betrifft, fordert das Gremium über die soziale Bodennutzung (Sobon) hinaus Flächen auch für Genossenschaften und andere innovative sowie bezahlbare Wohnkonzepte, ebenso günstige Mieten für einen Teil der gewerblichen Flächen, damit sich auch kleinere Unternehmen oder Initiativen dort halten können. Weitere Wünsche: ein Nachbarschaftstreff im neuen Quartier, Platz für ein Bürgerbüro, am besten auch eine weiterführende Schule und ein direkter Zugang vom neuen Quartier zum S-Bahnsteig, sei es ein Steg oder ein Tunnel.