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Neuhausen:Historisch belastet

Maria Luiko

Die Münchner Künstlerin Maria Luiko wurde 1941 im litauischen Kaunas ermordet.

(Foto: Karl-Amadeus-Hartmann-Gesellschaft)

Neuhausens Lokalpolitiker fordern, dass die Hilblestraße möglichst schnell umbenannt wird. Sie soll nicht mehr nach einem Anhänger des Nationalsozialismus heißen, sondern nach Maria Luiko, einem Opfer des Regimes

Maria-Luiko-Straße soll die Hilblestraße künftig heißen, wenn es nach den Vorstellungen der Neuhauser Stadtviertelpolitiker geht. Sie finden es schlüssig, ein Opfer des Nationalsozialismus mit einer Straßenbenennung zu würdigen, die - elf Jahre nach Kriegsende wohlgemerkt - zu Ehren eines Anhängers eben jenes Regimes benannt worden ist. Maria Luiko war der Künstlername der Malerin und Grafikerin Marie-Luise Kohn, geboren 1904 in München, ermordet 1941 im litauischen Kaunas.

Zur Debatte standen im Gremium von Neuhausen-Nymphenburg 18 Vorschläge. Die örtliche Geschichtswerkstatt hatte angeregt, eine TU-Professorin als Namenspatin zu wählen, da die drei anderen Straßen in dem Karree nahe dem Leonrodplatz bereits nach Hochschulprofessoren benannt sind. Die SPD-Fraktion im Bezirksausschuss (BA) hatte Schottländerstraße vorgeschlagen, nach den Eigentümern des gleichnamigen Kaufhauses am Rotkreuzplatz, die vor den Nazis fliehen mussten.

Auch von Bürgern kamen mehrere Hinweise, zum Beispiel auf Sylvia Caduff, die erste Generalmusikdirektorin Deutschlands, oder auf die sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Antonie Pfülf, die sich 1933 aus Verzweiflung über die Nazi-Herrschaft umbrachte. Einigen konnten sich schließlich alle im Gremium auf Maria Luiko: "Denn unser Ziel war ein einstimmiges Ergebnis", sagt Leo Agerer (CSU), der den BA-Unterausschuss Kultur leitet. Der Bezirksausschuss hat allerdings in dieser Sache nur ein Anhörungs-, kein Entscheidungsrecht.

Dass die Parallelstraße zur Leonrodstraße an Friedrich Hilble erinnert, ist den Stadtviertelpolitikern seit Langem ein Ärgernis. Denn Hilble, der - so damals die Begründung - "verdiente Leiter des städtischen Wohlfahrts- und Jugendamtes", war zwar kein Parteimitglied, aber ein Antisemit und willfähriger Vollstrecker von Nazi-Gesetzen. Darauf hatte vor Jahren schon die Geschichtswerkstatt Neuhausen aufmerksam gemacht. Er habe Juden die Sozialhilfe verweigert und im NS-Jargon "asozial" genannte Menschen in Arbeits- und Konzentrationslager bringen lassen. Weitere Untersuchungen bestätigen die Recherchen der Geschichtswerkstatt.

Schon 2012 drängte der BA deshalb auf eine Umbenennung, ebenso die digitale Kunstinitiative "Memory Gaps" der Malerin Konstanze Sailer, die durch Straßenbenennungen nach NS-Opfern Erinnerungslücken schließen will. 2015 forderte das zuständige Kommunalreferat ein Gutachten vom Stadtarchiv zum Fall Hilblestraße an, in dem letztlich eine Umbenennung empfohlen wurde. Doch dann beantragte die SPD-Fraktion im Rathaus, alle Münchner Straßennamen auf ihre historische Belastung zu durchleuchten und Empfehlungen zu erarbeiten, wie man damit umgeht. Bis zum Abschluss dieser umfangreichen systematischen Untersuchung, so bestimmte der Ältestenrat des Stadtrats, sollten alle Anträge auf Umbenennung zurückgestellt werden. Ein Ergebnis der Studie war für 2017 angekündigt, nun, kurz vor dem Jahresende 2018, liegt es immer noch nicht vor. Der Bezirksausschuss verbindet daher seinen Namensvorschlag mit der Aufforderung an die Stadt, die Umbenennung der Hilblestraße entweder vorzuziehen oder die Untersuchung schleunigst zu einem Abschluss zu bringen. Schon in diesem April hatte er, des dauernden Vertröstetwerdens überdrüssig, eine kleine Protestaktion angekündigt, sollte auch dieses Jahr folgenlos verstreichen: ein Überkleben der Straßenschilder an der Hilblestraße.

Dort übrigens gibt es unterschiedliche Reaktionen auf die Bestrebungen. Ein Anwohner hatte in der Bürgerversammlung 2017 selbst eine Umbenennung beantragt, eine andere Anwohnerin steuerte selbst einen Namensvorschlag bei. Es gab aber auch Protest gegen einen "blöden, neuen" statt des gut eingeführten, "schön klingenden Namens". Und ein Anwohner wies auf den Aufwand hin, den all die Mitteilungen der Adressänderung ihn kosten. So viel Arbeit - diese Ehre habe "dieser Hilble garantiert nicht verdient". Der Straßenname solle besser "als Mahnung" bleiben.