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Neuhausen:Die Rückkehr der Braut

Vierte Figur des Denkmals "Die Trauernden" taucht nach gut 60 Jahren wieder auf

Von Sonja Niesmann, Neuhausen

Dies ist die Geschichte von einer verschollenen und auf wundersame Weise wiedergefundenen Braut. Wenn Franz Schröther, der darin eine wesentliche Rolle spielt, die Geschichte erzählt, bricht sich zwischendurch immer noch seine Verblüffung, seine Aufregung Bahn: "So ein Wahnsinn. Sensationell!"

Die Braut gehört zur Figurengruppe "Die Trauernden", einem Ehrenmal für im Ersten Weltkrieg gefallene Soldaten. Es ist ein für die deutsch-nationalen, revanchistischen 1920er Jahre eher ungewöhnliches, weil kein bisschen martialisches Denkmal - keine Helme und Fahnen, sondern vier Frauen, die ihren Vater, ihren Verlobten, ihren Sohn, ihren toten Ehemann beweinen: das Mädchen, die Braut, die Mutter und die Witwe. Der Bildhauer Karl Kroher (1892 bis 1964), der sein Atelier an der Tizianstraße in Nymphenburg hatte, erhielt 1921 den Auftrag vom Bayerischen Verkehrsministerium, dieses Denkmal für die 2200 im Ersten Weltkrieg gefallenen Angehörigen der bayerischen Post und Eisenbahn zu schaffen. Gegossen wurden die gut 2,80 Meter hohen Bronzefiguren in der Erzgießerei Ferdinand von Millers. 1927 wurde das Ensemble im Ministerium, das sich im Karree von Arnulf-, Hopfen-, Mars- und Seidlstraße befand, feierlich enthüllt. Die Trauernden standen, zueinander blickend, in den Nischen der Kuppelhalle, in ihrer Mitte befand sich eine Marmortafel am Boden mit der Inschrift "Den im Weltkrieg 1914/18 gefallenen Angehörigen der bayerischen Post- und Eisenbahnverwaltung zum Ruhm und dauernden Gedenken".

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Ministerium bei Luftangriffen stark beschädigt, 1959 riss man die Ruine ab. Drei Statuen wurden geborgen, die vierte jedoch war und blieb verschwunden. Als 1973 das neue Gebäude der Bundesbahndirektion nahe der Donnersbergerbrücke fertig war, zogen - auf Vorschlag der planenden Architekten, mutmaßt Schröther, der Vorsitzende der Neuhauser Geschichtswerkstatt - das Mädchen, die Mutter und die Witwe dorthin um. Eng beieinander, Rücken an Rücken stand die Frauengruppe 45 Jahre lang in einer eher schmucklosen Grünanlage an der Richelstraße - "das wohl unbekannteste Denkmal Neuhausen", glaubt Schröther. Nur hie und da lenkten Führungen zu (den wenigen) Frauen-Denkmälern in München den Blick auf sie. Und mit Ausnahme einiger emsiger Erforscher der Stadtteilgeschichte wussten wahrscheinlich nur wenige, dass das Ensemble unvollständig war.

Hier noch als Trio: Inzwischen sind alle vier Trauernden wieder vereint, allerdings stehen sie derzeit im Innenhof des Bahndirektionsgebäudes hinter einem Bauzaun verborgen.

(Foto: Geschichtswerkstatt Neuhausen/oh)

An Silvester 2018 dann begab es sich, dass Franz Schröther an seinem Stammtisch im Königlichen Hirschgarten mit einem Mann ins Gespräch kam, der noch recht neu in der Runde war. Er plauderte über seine Arbeit in der Geschichtswerkstatt, "und irgendwann sagt der plötzlich zu mir: Ich hab was aus Neuhausen." Schröther hakte nach, konnte kaum fassen, was er hörte, fuhr so schnell wie möglich zur Halle des Stammtischbruders nach Allach - und da stand sie, die verschollene Braut. "Ich dachte, mich trifft der Schlag."

Soweit sich die Geschichte rekonstruieren lässt, hat wohl ein Altmetallsammler die Figur nach dem Krieg aus dem Schutt ausgebuddelt und zuhause in seinem Garten aufgestellt. Als dessen Sohn umzog, half ihm der Unternehmer aus Allach - und bekam als Dank die Statue, die ihm ins Auge gestochen war.

Der neue Besitzer - Schröther zufolge will er im Hintergrund bleiben und nicht namentlich genannt werden - gab sie bereitwillig her und verlangt auch nichts dafür. Stadtteil-Historiker Schröther findet das großzügig, "immerhin liegt schon der Materialwert bei circa 6000 Euro." Die Frage, wie sich ein solcher Sachverhalt rechtlich gestalten würde, stellte sich also gar nicht.

1959 aus dem Schutt geklaubt: die Bronze-Braut.

(Foto: Geschichtswerkstatt Neuhausen/oh)

Die Braut wieder mit ihren Gefährtinnen, dem Mädchen, der Verlobten und der Mutter, zu vereinen, gestaltete sich dann noch ein wenig zäh. Die Bundesbahndirektion, so stellte sich heraus, hatte nämlich das Gelände inzwischen verkauft, sie ist dort inzwischen nur noch Mieterin. Die Geschichtswerkstatt verhandelte also mit der neuen Eigentümerin, denn für Schröther war sonnenklar: "Das Denkmal muss in Neuhausen bleiben und öffentlich zugänglich sein."

Von der Wiese an der Richelstraße musste das Ensemble inzwischen ohnehin weichen, wegen der Bauarbeiten für die zweite S-Bahn-Stammstrecke. Seit neuestem stehen die vier Bronzefiguren, schön aufpoliert, in einem Innenhof des Bahndirektionsgebäudes, anzuschauen freilich nur aus der Entfernung, denn ein Bauzaun versperrt den Zugang. Wenn aber die Bauarbeiten einmal beendet sein werden, der Verhau beseitigt ist, dann müsse es, findet Franz Schröther, unbedingt eine neue Einweihungsfeier für die "Trauernden" geben. Und natürlich würde die Geschichtswerkstatt gerne eine Erklärtafel für das Denkmal gestalten, das auf so wundersame Weise wieder komplettiert worden ist.

© SZ vom 07.11.2020
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