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Neues Ausbildungsangebot:Theater für den Beruf

Das Projekt Biwaq soll Arbeitslosen Beschäftigung bringen

"Immer bin ich ganz alleine, es ist noch nichts getan", jammert eine kleine Frau mit pinkfarbenem Lippenstift und wirft die Arme hoch. Immer mehr Menschen laufen auf die Bühne, schreien und schimpfen. Doch dann ertönt Aretha Franklin im Hintergrund - "All I'm askin' is for a little respect" - und die Theatergruppe schnippt, tanzt und singt: "Respect".

Das sieht aus wie die Probe einer Laienspielgruppe, die kleine Vorführung in einer Gaststätte in der Nähe des Ostfriedhofs ist aber Teil einer Pressekonferenz, auf der Bürgermeister Josef Schmid (CSU) zusammen mit Partnern das Projekt Biwaq (Bildung, Wirtschaft, Arbeit im Quartier) vorstellt. Zum einen sollen dadurch 120 Arbeitslose vorrangig aus den Stadtteilen Giesing, Ramersdorf und Berg am Laim wieder eine Beschäftigung finden. Und zu den Fort- und Ausbildungen, die die Arbeitslosen bekommen, zählt eben auch ein Theater-Workshop. Zum anderen soll Geld in die Infrastruktur der Viertel fließen, was vor allem Geschäftsleuten zugute kommt.

1,6 Millionen Euro Förderung erhält München für Biwaq. Die Stadt ist eine von 75 Kommunen, die aus 128 Bewerbern für die Förderrunde 2015 bis 2018 ausgewählt wurde. Insgesamt sind 154,5 Millionen Euro im Fördertopf, der sich aus dem europäischen Sozialfonds (90 Millionen) und nationalen Mitteln (64,5 Millionen) zusammensetzt. "Das ist ein Erfolg", betont Bürgermeister Schmid, und Maria Neusa-Gruber kann ihm da nur zustimmen. Sie ist die Frau mit den pinkfarbenen Lippen aus der kleinen Vorführung. Neusa-Gruber will einen Job in der Altenpflege bekommen, wenn sie das dreijährige Programm absolviert hat. "Es ist schön, wir lernen viel. Nicht nur für den Beruf, sondern auch für uns selbst", strahlt die 44 Jahre alte Brasilianerin. Die Teilnehmer spielen aber zur Auflockerung nicht nur regelmäßig Theater und durchlaufen Qualifizierungen für Pflegeberufe, sie bekommen auch eine Ausbildung, um im Hausmeisterservice zu arbeiten. Jesse O. Gerdes zum Beispiel ist 42 Jahre alt und froh über die Fortbildungen. Auch er hofft, dass er nach dem Projekt endlich einen Job bekommt.

Neben den 120 Teilnehmern des Programms, die über drei Jahre ausgebildet werden und die aus den verschiedensten Ländern kommen, erhalten weitere 210 Arbeitslose eine abgespeckte Beratung. 60 Prozent der Teilnehmer wolle man nach den drei Jahren in den Arbeitsmarkt integrieren, sagt Katja Motschmann vom Deutschen Erwachsenen-Bildungswerk, das wie die Münchner Gesellschaft für Stadterneuerung Partner des Projekts ist.

Für den zweiten Teil des Projekts, die Infrastruktur der Viertel aufzuwerten, holen sich die Organisatoren Anregungen von Geschäftsleuten. Ladeninhaber an der Tegernseer Landstraße etwa erzählen Bürgermeister Schmid bei einem Rundgang, was sie auf dem Herzen haben. Gerhard Drechsler führt eine Buchhandlung und findet die "Leerstände unattraktiv" und den "Verkehr furchtbar". Alexander Felsmann steht in seinem Schuhgeschäft und redet von "Geschäftsvielfalt, die fehlt". Die Geschäftsleute würden gerne Wochenmärkte organisieren, um mehr Kunden in die Viertel zu locken. Schmid verspricht, die Vorschläge prüfen zu lassen. Wann genau feststeht, welche Maßnahmen die Stadt in den Vierteln mit den Fördergeldern angeht, ist aber noch unklar.

© SZ vom 10.03.2016
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