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Neuer Konzertsaal:Klare Empfehlung für das Werksviertel

Im Gutachten zu möglichen Standorten für den Konzertsaal schneidet das ehemalige Pfanni-Gelände am besten ab. Die Experten halten eine Inbetriebnahme bis Ende 2021 für möglich. Doch der Eigentümer will nicht an den Freistaat verkaufen.

Horst Seehofer will endlich Tatsachen schaffen: Nach 15 Jahren Debatte und einem Aufstand der Münchner Musikfreunde gegen ihn dringt der Ministerpräsident auf eine Entscheidung über den Bau eines Konzerthauses. Am kommenden Dienstag soll das Kabinett dafür eine wichtige Weichenstellung vornehmen: Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) wird dann ein Gutachten über fünf Standorte vorstellen, welches die Staatsregierung beim Architekturbüro Speer & Partner in Auftrag gegeben hat. Die Studie kommt zu einem ganz klaren Ergebnis: Der neue Saal würde am besten ins Werksviertel am Ostbahnhof passen. Doch das Resultat ist so eindeutig, dass es die Sache schon wieder schwierig macht.

"Auf der Grundlage der definierten Kriterien und deren Gewichtung erhält der Standort Werksviertel mit Abstand die beste Wertung", heißt es als Resümee des Gutachtens, das der SZ vorliegt. Seit vergangenem Montag ist die Studie fertig, das Kultusministerium hält sie allerdings mit Verweis auf die Kabinettssitzung unter Verschluss, noch nicht einmal die Mitglieder von Spaenles Expertengruppe haben sie bislang bekommen. Dabei ist das Ergebnis nicht gar so überraschend: Das Areal auf dem früheren Pfanni-Gelände galt schon im Sommer als Favorit. Die Gutachter geben dem Grundstück nun 81 von 100 möglichen Punkten. Auch wenn die Gegend derzeit noch eine "geringe Standorteignung" habe, sei das Entwicklungspotenzial des Werksviertels hoch. Vor allem aber sehen Speer und Partner "kaum Risikopotenzial". Sie halten sogar eine Inbetriebnahme eines Konzerthauses dort bis Ende 2021 für möglich. Ein Datum, das für die Stadt wichtig ist: Denn derzeit plant sie, die Philharmonie am Gasteig 2020 zu schließen, weshalb sich alle Orchester eine (teure) Interimsspielstätte suchen müssten. Bei nur einem Jahr zeitlichen Versatz ließe sich die Sanierung womöglich aufschieben.

Konzertsaal Werksviertel

Simulation eines Standorts im Werksviertel.

(Foto: Steidle Architekten)

Problem am Werksviertel ist nur: Das Grundstück gehört Pfanni-Erbe Werner Eckart, der nicht an den Staat verkaufen, sondern allenfalls eine Erbpachtlösung anstreben möchte. Das allzu klare Ergebnis der Speer-Studie verbessert nun seine Verhandlungsposition gegenüber dem Freistaat ungemein. Nach SZ-Informationen gab es bereits seit Wochen keine Gespräche mehr mit Eckart. In der Kabinettssitzung wird es deshalb wohl vor allem darum gehen, wer nun für den Freistaat eigentlich die Verhandlungen führt. Wahrscheinlich wird das Kultusministerium weiterhin federführend zuständig sein - auch wenn es in der Staatsregierung und bei den Konzertsaalfreunden durchaus Vorbehalte geben soll, ob Spaenles Haus diesem schwierigen Projekt und den zu erwartenden harten Verhandlungen mit Eckart wirklich gewachsen sein wird. Denkbar wäre, dass sich die Staatskanzlei an den Planungen beteiligt oder gar selbst einen Projektmanager stellt. Unabhängig davon werden in jedem Fall zwei weitere Ministerien eingebunden sein. Das Innenministerium über seine Oberste Baubehörde, das Finanzministerium wird mit seiner staatlichen Immobiliengesellschaft die Grundstückverhandlungen zu führen haben. Völlig offen ist noch, wie der Bayerische Rundfunk beteiligt sein wird: Dessen Orchester soll Hauptnutzer des neuen Konzerthauses sein. BR-Intendant Ulrich Wilhelm betont aber stets, dass sich sein Sender nur mit Technik- und vorgezogenen Mietkosten an dem Bau beteiligen könnte.

Auch bei dem Standort, den die Speer-Gutachter mit 67 Punkten auf Platz zwei setzen, müsste der Staat indes schwierige Verhandlungen mit Privaten führen: einer Investorengruppe, welche die alte Paketposthalle an der Friedenheimer Brücke umbauen möchte. Die Halle wäre groß genug, selbst für die Musikhochschule und weitere Nutzungen gäbe es genügend Platz, die Verkehrsanbindung ist zudem gut. Doch die Experten sehen Probleme, und zwar nicht nur, weil die Post erst mit ihrem Briefverteilzentrum ausziehen müsste. Sie fürchten zum Beispiel Mehrkosten, weil der Betonbau erst saniert werden müsste und sich Altlasten im Boden finden könnten. Dennoch attestieren sie dem Projekt, dass es ein "konzeptionell bewältigbarer Eingriff in ein Baudenkmal" wäre.

Mit 63 Punkten nur knapp schlechter schneidet der Finanzgarten ab. Das Grundstück dort sei vom Zuschnitt ungünstig, Kooperationen mit der Musikhochschule wären nur bei Nutzung von Räumen in der Residenz möglich. Massive Probleme sehen die Gutachter bei der Erschließung: Eine dreistöckige Tiefgarage müsste wohl geschaffen werden, um genügend Stellplätze nachzuweisen. Die Nähe zum Altstadtringtunnel und der Tiefbunker hinter dem Landwirtschaftsministerium machen Bau und Zufahrt aber nicht einfach. Und selbst wenn Fragen des Landschafts- und Baumschutzes über Ausgleichsmaßnahmen wohl zu klären wären, bleibe ein hohes zeitliches Risiko wegen möglicher Bürgerbegehren und juristischer Verfahren. Ein Konzerthaus dort könnte wohl erst Anfang 2023 in Betrieb gehen, in der Paketposthalle ein wenig früher: Ende 2022 - vorausgesetzt die Post zieht rechtzeitig aus.

Das Eissportzentrum im Olympiapark und der Apothekerhof in der Residenz liegen deutlich hinter den anderen drei Standorten. Dabei hätten beide durchaus auch große Vorzüge. So habe ein Konzerthaus unmittelbar in der Residenz eine sehr gute Eignung in Bezug auf die "Standortidentität" - will sagen: Klassische Musik passt gut in dieses Umfeld. Wegen der schwierigen logistischen und denkmalschützerischen Fragen gebe es aber wohl eine Vielzahl an Konflikten zu lösen, vor Ende 2023 sei dort an eine Eröffnung nicht zu denken. Gleiches gelte für den Olympiapark, wo noch nicht einmal klar ist, ob das alte Eissportstadion überhaupt abgerissen werden kann. "Vor diesem Hintergrund wird empfohlen, mit den Grundeigentümern der Standortoptionen Werksviertel und Paketposthalle Kontakt aufzunehmen", heißt es am Ende der 137-seitigen Studie. Eine Empfehlung, über die am Dienstag nun das Kabinett grübeln darf.