bedeckt München

Neue Wege:Starke Frauen

Oboistin Miriam Katharina Ströher stieß auf der Suche nach weiblichen Vorbildern auf ihre Urgroßtante Luise - nun hat sie das neue Album nach ihr benannt

Von Lisa Miethke

Winzige, mit bunten Fäden und Kork ummantelte Metallröhrchen sind auf einem grauen Schaumstoffbett aufgereiht. In die Röhrchen munden dünne, gefaltete Holzblättchen, am vorderen Ende nur Bruchteile von Millimetern stark. Was für das ungeübte Auge nach einem sonderbaren Bastelprojekt anmutet, ist für Miriam Katharina Ströher, 32, die sich als Musikerin Miriam Hanika nennt, ein wichtiger Bestandteil ihres Berufs. Sie ist Oboistin, die eigens zugeschnittenen Rohre sind die wichtigen Mundstücke, die für die richtige Klangqualität ihres Instrumentenspiels sorgen. "Man muss handwerklich schon ein wenig begabt sein", sagt Ströher und lacht. Das "Rohrebauen", wie sie es selbst nennt, sei anspruchsvoll. "Etwa eine Badewanne macht man voll, bis man es wirklich kann."

Miriam Ströher nennt sich als Musikerin Miriam Hanika, der Name ihrer Großmutter.

(Foto: Manuel Nieberle)

Ströher sitzt im Schneidersitz auf einem roten Drehstuhl, ihre zierlichen Hände halten eine grau-melierte Teetasse. Bis 2016 studierte sie an der Hochschule für Musik und Theater München Oboe, absolvierte ihren Masterabschluss bei François Leleux. Dann entschied sie sich gegen eine klassische Orchesterstelle, schrieb und komponierte stattdessen ihre eigene Musik. Heute ist sie auf der Suche nach weiblichen Vorbildern. Warum? "Es ist schwer, eine weibliche Liedermacherin zu finden, die vor 1970 geboren ist und erfolgreich war", sagt Ströher. "Heute kennt man Konstantin Wecker, Hannes Wader, Reinhard May, aber keine einzige Frau."

Tatsächlich war es Konstantin Wecker selbst, der 2018 auf Ströhers Musik stieß, über sein Plattenlabel "Sturm und Klang" veröffentlichte sie 2019 ihr Debütalbum "Wanderlust". "Es gibt viele Musikbereiche, die sehr männlich geprägt sind. Für uns Frauen bleibt dann das Bild, dass wir vorne stehen und ein nettes Lied singen", sagt Ströher. Doch ein Klischee zu bedienen, das widerstrebe ihr. Deutlich wird das auch in ihren Texten, die sie als "Protestpoesie" bezeichnet. Oft wird sie politisch und sozialkritisch, darüber täuscht auch ihre sanfte Stimme nicht hinweg.

Ein Vorbild für Ströher ist auch Urgroßtante Luise.

(Foto: privat)

Auf der Suche nach starken, selbstbewussten Frauen stieß Ströher mitunter auf ihre eigene Urgroßtante. Louise Mauel, geboren 1912, für sie eine persönliche Heldin. "Sie war eine gut aussehende Frau, hat geraucht ohne Ende und war immer schick unterwegs", sagt Ströher. Sie schmunzelt bei diesem Satz. Dann steht sie von ihrem roten Stuhl auf und greift nach einem Bild auf ihrem Klavier. Es zeigt ihre Urgroßtante als bereits ältere Dame, die grauen Haare hochgetürmt, die Lippen knallrot. "Louise ist immer für ihr Recht eingestanden und hat ihre Meinung gesagt. Auch wenn es der Pastor war, den sie kritisierte", sagt Miriam belustigt, aber auch stolz. Geschichten, in denen Louise Politikern protestierende Briefe schrieb, sich nachts aus einer Kirche schlich, um die Kühe zu melken, obwohl die Kirche nach Kriegsende von amerikanischen Soldaten bewacht war, zeichnen das Bild einer Frau, die sich so schnell nicht einschüchtern ließ. Das scheint sich in der jüngeren Generation der Familie fortzusetzen. Wenn Miriam Ströher Oboe spielt, lässt sie sich nicht im Geringsten von ihrem zierlichen Körperbau beeinflussen, steht fest mit beiden Beinen - und teils auch barfuß - auf der Bühne, schwingt sanft mit dem Oberkörper mit. Von der körperlichen Kraftanstrengung, die das Spielen der Oboe mit sich bringt, keine Spur.

Dass sie neben dem Englischhorn auch die Oboe außerhalb der klassischen Musik einsetzt, ist unüblich, anfangs kostete es sie viel Mut: "Gerade als Musikerin bekommt man den Eindruck, dass deine Musik nicht zu anders sein darf, bloß nicht zu speziell", sagt Ströher. Immer wieder ließ sie sich von Promotern und Marketing-Spezialisten sagen, dass ihre Musik eine Nische wäre, in Radios nicht gespielt werden könne. "Heute ist mir das eigentlich egal", sagt sie schulterzuckend, sie ließe sich eben nicht in Schubladen stecken. Am 7. Mai wird ihr neues Album erscheinen. Es wird Louise heißen.

© SZ vom 18.03.2021
Zur SZ-Startseite