Museum Die Neue Pinakothek schließt - und die Besucher stehen Schlange

Am 31. Dezember 2018 wird die Neue Pinakothek in München wegen der dringend notwendigen Generalsanierung für voraussichtlich sechs Jahre schließen.

(Foto: Robert Haas)

Das Museum wird vom 31. Dezember an saniert, mindestens sechs Jahre bleibt es zu. Nun reisen sogar Besucher aus dem Ausland an, um sich von Goya und Monet zu verabschieden.

Von Evelyn Vogel

Das muss ganz schön anstrengend sein, so viele Punkte zu malen", staunt Chiana und schaut sich die Bilder von Paul Signac noch einmal genauer an. Nach vielen großformatigen Stadt- und Landschaftsansichten, nach Porträt- und Genremalerei aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert ist die Elfjährige in den Sälen angekommen, die sie am meisten beeindrucken. "Punktemaler" nennt sie sie treffend. Strich für Strich, Punkt für Punkt haben die Impressionisten und Pointillisten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Stimmungen auf die Leinwand gebannt. So neuartig und emotional, dass es ihre Zeitgenossen verstörte, so zauberhaft schön, dass die Besucher noch heute tief beeindruckt davon sind.

Chiana und ihre zwei Jahre ältere Schwester Svenja stehen zum ersten Mal vor den Gemälden und Skulpturen in der Neuen Pinakothek. Ihre Eltern Carola und Patrick Ruh sind mit ihnen aus dem mittelfränkischen Feuchtwangen angereist, um sie ihnen zu zeigen. "Wir haben in der Zeitung gelesen", erzählen die Ruhs, "dass die Neue Pinakothek wegen der Sanierung nach dem Wochenende für mindestens sechs Jahre schließt". Dass dies eine ziemlich lange Zeit ist, finden nicht nur sie. Etliche der Besucher sind erstaunt, dass das so lange dauert. Aber viele wissen mittlerweile auch, dass bei Regen das Wasser von den Dächern in die Säle läuft, dass die Klimaanlage völlig überaltert ist und dass bei Voruntersuchungen Asbest gefunden wurde. Einige kommentieren die angekündigt Sanierungsdauer deshalb sogar skeptisch: "Wenn's reicht."

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Es ist kurz nach elf Uhr am Donnerstag vor der Schließung, als die Aufsichten die Eingangsdrehtür der Neuen Pinakothek das erste Mal an diesem Tag zum Stillstand bringen müssen und die Warteschlange anschwillt. Von jetzt an ist Blockabfertigung angesagt. Sind 50 Besucher gegangen, können 50 andere hinein. Aus Sicherheitsgründen dürfen sich nicht mehr als 500 Besucher zur gleichen Zeit in den Ausstellungsräumen aufhalten. Trotzdem zählte das Museum in den vergangenen Tagen bis zu 3000 Besucher täglich.

Die Angestellten der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen sind für den Ansturm gerüstet. Sie haben die Freikarten, die es seit dem 17. Dezember als kleines Trostpflaster gibt, bereits griffbereit an der Kasse ausgelegt. Weil aber Mäntel und größere Taschen im Untergeschoß abgegeben werden müssen und etliche der Schließfächer defekt sind, bilden sich an der Garderobe Schlangen. Die draußen wird derweil immer länger. Nach 13 Uhr stauen sich die Besucher über den Vorplatz des Hauses, die Treppen hinunter und ums Eck die Theresienstraße entlang.

Drinnen wandern die meisten in der vorgegebenen Richtung durch die sogenannte "liegende Acht" der Raumabfolge. In den ersten Sälen mit der Kunst um 1800 ist es entsprechend voll. Der 27-jährige Maximiliano Ivan Silva aus Argentinien hört konzentriert seinem Audioguide zu. Der Physiotherapeut lebt in Turin und ist nach München gekommen, weil er die Bilder von Goya unbedingt noch sehen wollte. Dass das erst 1981 nach Plänen Alexander von Brancas eröffnete Museum schließt, wusste die Familie aus Spanien, die ein paar Meter weiter steht, gar nicht. Sie haben sich nur über den kostenlosen Eintritt gewundert. Umso mehr freuen sie sich jetzt, dass sie die Neue Pinakothek noch an einem der letzten Tage besuchen können.

Einen vorläufig letzten Blick auf ihre Lieblingswerke werfen wollen die Scheels. Das ältere Paar aus Friedberg hat die Neue Pinakothek schon oft besucht. Die Nazarener und Caspar David Friedrich haben es ihnen besonders angetan. Jetzt stehen sie in einem der Seitenkabinette vor Spitzwegs "Armen Poeten", wo sich die Besucher nach kurzer Zeit so stauen, dass die Aufsicht einige Gäste bitten muss weiterzugehen, weil allmählich dicke Luft herrscht. Das Personal bleibt freundlich und gelassen. Angst um ihren Job haben die Festangestellten nicht. Einige tun schon jahrzehntelang Dienst in "der Neuen", nun müssen sie eben in ein anderes Haus der Staatsgemäldesammlungen wechseln. Reduziert wird lediglich bei den Aushilfen.

Einer, der oft in die Münchner Museen geht und dann mit einem ganz besonderen Blick auf die Bilder schaut, ist der Münchner Rahmenmacher Werner Murrer. Auch ihn zieht es an diesem Tag noch einmal in die Neue Pinakothek und vor das Bild der "Affen als Kunstrichter" von Gabriel von Max. Im Bild zu sehen - neben all den Affen: Der schwere Goldrahmen des Bildes, der Aufkleber auf der Rückseite, die Transportkiste - das sind Details, die jemanden, der Gemälde beruflich nicht nur auf der Vorderseite anschaut, faszinieren. Murrer hat etliche Lieblingsstücke im Museum und weiß einiges über das Verhältnis von Bildern und Rahmen zu erzählen. Beispielsweise hänge die hiesige Version der "Sünde" von Franz von Stuck in einem "eher bescheidenen Rahmen". Da wird man doch das Pendant in den historischen Räumen der Villa Stuck beim nächsten Besuch gleich ganz anders ansehen.

Werner Murrer ist fasziniert von den Rahmen.

(Foto: Robert Haas)

Am Ende des Rundgangs, wo man den Weg der "liegenden Acht" auch beginnen könnte, ist es bei weitem nicht so voll wie erwartet, obwohl viele der früh eingelassenen Besucher diese Säle mittlerweile erreicht haben. Nach mehr als zwei Stunden lassen sich die meisten auf den Sitzmöbeln in der Mitte des Raumes nieder, statt sich direkt vor den Gemälden zu drängeln. Beste Sicht also auf van Goghs "Sonnenblumen" und Monets "Seerosen", auf Manets Tisch- und Gauguins Geburtsszene. All die Kunstwerke wollen ausführlich betrachtet werden. Schließlich ist es bei vielen das letzte Mal, auch wenn etliche Highlights in den nächsten Jahren nicht in den Depots verschwinden, sondern in anderen Pinakotheken sowie in der Sammlung Schack gezeigt werden sollen.

Aber viele Besucher wollen die Neue Pinakothek mit all ihren Schätzen noch einmal als Gesamtereignis erleben. Beispielsweise das junge Paar aus Landshut, das von einer in München lebenden Verwandten von der bevorstehenden Schließung der Neuen Pinakothek erfahren hat und den Brückentag zwischen Weihnachten und Silvester ebenso für einen Museumsbesuch nutzt wie die Besucher aus der Schweiz, die dieses Vorhaben mit einem Kurzurlaub in München verbinden. Die Angestellte der Pinakotheken im Erziehungsurlaub kommt mit Kind noch einmal vorbeikommt und steht in die Betrachtung von Manets "Le Déjeuner" versunken da.

Zwei ältere Damen, die vor einigen Tagen schon einmal einen Anlauf nahmen, aber vor der Warteschlange zurückschreckten, sind diesmal kurz nach zehn Uhr mit den ersten Besuchern hereingekommen. Ein älteres Paar aus München hat zwar gezielt den Rottmann-Saal und die Impressionisten angesteuert, dann aber doch gut zweieinhalb Stunden im ganzen Haus verbracht. Gut, dass das Museumsrestaurant geöffnet hat, um sich zu erfrischen. Das Hunsinger muss übrigens erst im März ausziehen. Wie es dann weitergeht, wissen die Angestellten noch nicht. Draußen wartet seit fast einer Stunde eine Frau auf Einlass, die vor mehr als 30 Jahren in diesem Museum ein Praktikum gemacht hat. Nun will auch sie unbedingt noch einmal hinein, bevor es vom 31. Dezember an heißt: Wegen Sanierung geschlossen.

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