Sozialpolitik Ein neues Bündnis will die Altersarmut von Frauen bekämpfen

Urlaubsreisen sind für manche Frauen im Alter ein unbezahlbarer Luxus, oft reicht die mickrige Rente kaum für die Miete.

(Foto: Catherina Hess)
  • Im Moment sind in München etwa 60 000 Senioren von Altersarmut betroffen.
  • Ein neues Bündnis gegen Frauenaltersarmut engagiert sich gegen das soziale Abseits, das vielen Frauen im Alter droht.
  • Der Initiative geht es auch darum, die Frauen frühzeitig auf die Gefahr der Altersarmut aufmerksam zu machen und zur Prävention anzuhalten.
Von Heiner Effern

Den ersten Schritt in Richtung Altersarmut machen Frauen nicht selten mit einem großen Glück: der Geburt eines Kindes. Das heißt nämlich für viele, dass sie als Mütter längere Zeit zur Erziehung zu Hause bleiben, in Teilzeit arbeiten und nie mehr in die Vollzeit zurückkommen oder nur noch Minijobs annehmen können.

Es kann aber auch schon reichen, sich für einen sozialen Job in der Pflege oder der Kinderbetreuung zu entscheiden. Beides zieht eine mickrige Rente nach sich. Wenn eine Frau noch dazu allein oder getrennt lebt, reicht ihr nach Eintritt in den Ruhestand die Rente oft kaum für die Miete - und schon gar nicht für den Rest des Lebens.

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Solche Karrieren ins soziale Abseits will nun in München ein Bündnis gegen Frauenaltersarmut verhindern. Angestoßen von den Frauen bei der Gewerkschaft Verdi haben sich unter anderen der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB), der Sozialverband VdK, der Paritätische Wohlfahrtsverband und kirchliche Frauenverbände zusammengeschlossen.

Sie wollen Druck auf die Politik in Bund, Land und auch in der Stadt machen. "Es ist verheerend, was wir seit vielen Jahren erleben. Und es wird immer noch ein Stück schlechter", sagte Karin Majewski, Geschäftsführerin des Paritätischen Wohlfahrtsverbands in Oberbayern. Insbesondere der Bund schaue nur zu und kümmere sich nicht um die Armut im Alter. "Das ist blamabel."

Derzeit sind in München etwa 60 000 Senioren davon betroffen. Der Anteil der Menschen über 65 Jahre, die gefährdet sind, stieg von 2005 bis 2015 von 14,1 auf 22,2 Prozent. Ein Ende der Entwicklung sei nicht abzusehen, im Gegenteil, steht im 2017 veröffentlichten Armutsbericht der Stadt. Eine getrennte Statistik für Männer und Frauen gibt es dort nicht, doch einen Hinweis, dass die Altersarmut zunehmend beide Geschlechter betrifft. Der Anteil der Männer in dieser Altersgruppe, die die staatliche Grundsicherung zum Überleben benötigen, ist mit 5,8 Prozent knapp höher als der der Frauen (5,2 Prozent).

Hauptverantwortlich für die steigenden Zahlen ist für das Bündnis in München der Bund. Das für Frauen oft nachteilige Steuerrecht, die Rentenpolitik, die ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen, das auch im aktuellen Gesetzesentwurf immer noch unzureichende Rückkehrrecht von Teil- in Vollzeit und die miese Bezahlung in den Sozialberufen müssten die Parteien in Berlin endlich politisch angehen, forderte Natascha Almer vom DGB.

Doch auch die in vielen Bereichen vorbildliche Stadt müsse noch aktiver werden gegen Frauenarmut, wenngleich München nicht auffangen könne, was überregional versäumt werde. So könne die Stadt gar nicht genug gegen die hohen Mieten unternehmen, die besonders älteren Frauen mit dem Eintritt ins Rentenalter das Leben in ihrer Wohnung unmöglich machten. Die Stadt könnte zum Beispiel auch wachsam auf ein Projekt blicken, das der Paritätische Wohlfahrtsverband gerade umsetzt: Unter dem Motto "Raum-Teilerinnen" will der Verband von Wohnungsnot bedrohte Frauen vernetzen und ihnen das Zusammenziehen ermöglichen.

Dem Bündnis geht es auch darum, die Frauen frühzeitig auf die Gefahr aufmerksam zu machen und zur Prävention anzuhalten. Dazu gehöre auch, sich in der Beziehung vertraglich abzusichern: "Lieber unromantisch als im Alter arm", lautet die Botschaft. Im Übrigen starte das Bündnis nun erst und sei auch offen für neue Mitglieder, sagte Agnes Kottmann von den Verdi-Frauen.

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