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Neue Heimat:Zwiefach tanzen, doppelt sehen?

ZLF-Ball im Festzelt "Tradition" in München, 2016

Traitionell bayerisch tanzen kann man auch ohne vorherigen Bierkonsum.

(Foto: Catherina Hess)

Auch in der Heimat unseres Kolumnisten wird zu Volksmusik getanzt. Statt Bier wird in Syrien allerdings Tee serviert - und es gibt noch andere Besonderheiten.

Beim Tanzen gibt es mehrere Faktoren, von denen der wichtigste die Motivation ist. Die Frage ist, wie man diese Mischung aus Mut und Spaß erreichen kann, die auf einem Tanzboden erforderlich ist. Seit ich in Bayern lebe, habe ich einige neue Ansätze kennen gelernt. Vielen Bayern ist beim Tanzen vor allem die Vorbereitung wichtig. Ein Tagesordnungspunkt, bei dem ein wichtiges Grundnahrungsmittel zum Einsatz kommt.

Anders gesagt: Bevor so mancher das Tanzbein schwingt, bereitet er sich intensiv vor. Man muss nur mal im Münchner Hofbräuhaus vorbeischauen. Dort trifft man dann sehr interessant gekleidete Menschen, zum Beispiel einen Mann mit einem sauber gekämmten Bart, Trachtenhut samt Gamsbart - und mit einer Charivarikette an der Lederhose. Ein Musteroutfit für den bayerischen Volkstanz. Das allein reicht aber in aller Regel nicht.

Freizeit in München und Bayern Wie Volksmusik die Menschen verbindet
Integration

Wie Volksmusik die Menschen verbindet

Lieder sind Herzenssache, meint unser Kolumnist aus Syrien. Dabei ist es egal, in welcher Sprache sie gesungen werden.   Von Mohamad Alkhalaf

Unter den bunten Motiven des Deckengewölbes im Hofbräuhaus empfängt einen bayerische Blasmusi, dazu gibt's Schweinsbraten, Knödel und: Bier - wahlweise im Masskrug oder als Halbe. Manche schütten sich den Inhalt in wenigen Zügen in die Kehle, offenbar haben sie es eilig. Da ich jedoch kein Bier trinke, machte ich einen Selbstversuch: Wie tanzt es sich hier, ohne die klassische Vorbereitung der Einheimischen?

Zum Tanzen geht es etwas weiter nach oben, hinauf in einen Saal. Es waren sehr viele Tänzer auf der Tanzfläche - und mit meinem temperamentvollen Tanz behinderte ich wohl einige Tänzer. Vielleicht hätte ich doch ein Glas Bier zur Adaption trinken sollen? Ich wollte schon wieder gehen, da rief mich eine Frau mit Mikrofon zurück auf die Tanzfläche.

Und dann ging es dahin:

"In München steht ein Hofbräuhaus // Oans, zwoa, g'suffa ... // Da läuft so manches Fäßchen aus // Oans, zwoa, g'suffa ... // Da hat so mancher brave Mann // Oans, zwoa, g'suffa ... // Gezeigt was er so vertragen kann // Oans, zwoa, g'suffa ..."

Wer in Syrien bis drei zählt, sagt am Ende "thlath". In München sagt man hingegen "g'suffa". Wahrscheinlich würden die Münchner sich nur schwer mit dem großen Landhaus meiner Heimatstadt Rakka arrangieren, wo man essen, trinken und zu syrischer Volksmusik tanzen kann. Statt Bier wird dort Tee serviert, alkoholfrei, was dort niemanden stört. Auch dort wird Tracht getragen, auch dort tragen die Frauen lange Gewänder. Nur dass sie nicht zusammen mit den Männer schuhplatteln, sondern nach Geschlechtern getrennt tanzen.

In diesem Punkt sind sie in Syrien ziemlich intolerant - anders als mein Magen: Gestärkt mit einem Rinderbraten und einer Mass Alkoholfreiem stürzte ich mich wieder in die Menge.

Neue Heimat - Der andere Blick auf München
Vier Flüchtlinge, die in ihrer Heimat als Journalisten gearbeitet haben. Nach dem Porträt werden sie regelmäßig eine Kolumne schreiben. Fotografiert auf der Brücke im SZ-Hochhaus.

Der Autor: Mohamad Alkhalaf, 32, stammt aus Syrien. Bis 2015 arbeitete er für mehrere regionale Zeitungen, ehe er vor der Terrormiliz IS floh. Seit der Anerkennung seines Asylantrags lebt er in Kirchseeon.

Die Serie: Zusammen mit drei anderen Flüchtlingen schreibt Alkhalaf für die SZ eine Kolumne darüber, wie es sich in Deutschland lebt und wie er die Deutschen erlebt. Alle Folgen finden Sie auf dieser Seite.