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Neue Heimat:Wie konnte ich nur drei Jahrzehnte ohne Haustier leben?

Welthundetag

In Syrien leben Hunde auf der Straße.

(Foto: dpa)

Unser Autor aus Syrien musste sich an die Tierliebe der Deutschen erst gewöhnen. In seiner Heimat gilt man als verrückt, wenn man mit einem Tier redet.

Ich ging am See spazieren und traf dort eine Frau, die immer sagte: "Fein hast du das gemacht", und "Komm mein Hübscher." Ich habe erst gedacht, sie würde mit mir sprechen, und wollte zu ihr hingehen. Aber dann sah ich, dass sie mit einem Tier geredet hat. Sie sprach nach unten gebeugt zu einem Hund und hielt seine Pfote in der Hand. Ein wahres Erlebnis.

Bei uns in Syrien wird man für verrückt erklärt, wenn man mit einen Tier redet. Die Hunde dürfen nicht mit ins Haus, sie bleiben im Garten oder wandern durch die Straßen. Hier leben sie im Haus zusammen mit den Menschen. Für einen Hund muss das angenehm sein. Wenn man diese Lebensform nicht kennt, muss man sich aber erst einmal daran gewöhnen. Als ich in meine Wohnung in Kirchseeon einzog, kam meine Vermieterin mit ihrem Hund herein. Mein Kumpel sprang auf einen Stuhl, ich auf die Couch. Dann rief jemand nach "Rosi", und der Schreck war vorbei. Meine Vermieterin lachte laut, als sie uns sah, und sagte: "Schämt euch, ihr seid doch zwei erwachsene Männer."

Mit der Zeit habe ich mich an Rosi gewöhnt. Sie ist eine ruhige ältere Hündin, und wir respektieren uns. Sie besucht mich immer in meiner Wohnung, und wenn wir im Sommer grillen, sitzt sie bei uns, dann essen wir zusammen. Ich verstehe mich gut mit Rosi, also habe ich ein schickes Foto von uns auf Facebook hochgeladen. Meinen syrischen Freunden gefiel das jedoch weniger, viele haben mich deswegen kritisiert, sie sagen, ich sei verrückt. Und das ist verständlich. Denn wenn man in Syrien jemandem wehtun möchte, nennt man ihn einfach einen Hund. Wo ich herkomme, ist das eine schlimme Beleidigung.

Mit der Zeit trifft man in diesem Land viele Menschen. Damit man sie aber auch kennen lernt, muss man so manche Angst überwinden. Ich habe die Bekanntschaft mit einer sehr netten Familie gemacht. Das Problem war, dass sie eine schwarze Katze besaßen, die mir ganz furchterregend erschien und mich mit gelben Augen anglotzte. Bei uns sagt man, dass schwarze Katzen Geister sind, trotzdem habe ich sie mit zitternden Händen gestreichelt. Sie reagierte gar nicht geisterhaft, ihre Augen waren nicht nur gelb, sondern auch sehr treu. Nachdem ich sie das erste mal gestreichelt hatte, kam sie immer wieder zu mir. Sie bekam gar nicht genug. Wenn ich zu Besuch bin, kommt die Katze nun immer zu mir und machte es sich in meinen Armen bequem.

Ich und Balou sind gute Freunde geworden

Wie konnte ich nur drei Jahrzehnte ohne Haustier leben? Das war mein Gemütszustand, bevor ich Balou kennen gelernt habe. Balou ist der neue Hund der Katzen-Familie, ein Yorkshire-Terrier mit einer niedlichen Schnauze. Am Anfang war Balou weder erzogen noch stubenrein, was ich nicht so toll fand. Hinterlassenschaften wie die von Balou im Wohnzimmer sind der Grund, warum syrische Hunde ihr Zuhause im Freien haben. Wir sind mit Balou, dem Saubären, deswegen sehr oft draußen gewesen. Seine Familie übte fleißig mit ihm, heute ist er kein Saubär mehr.

Ein Welpe braucht viel Pflege und Geduld und kann manchmal sehr geruchsintensiv sein. Als ich zurück in meiner Wohnung war, vermisste ich den kleinen Balou jedoch sehr. Es war enorm, welch emotionale Verbindung ich zu diesem Geschöpf aufgebaut hatte. Nicht auszudenken, hätte er das Pech, in Syrien zu leben, wo tote Hunde auf der Straße liegen, namenlos und von niemandem geliebt. Ohne Hundehalsband und ohne je bei einem Tierarzt gewesen zu sein.

Ich und Balou sind gute Freunde geworden, ich habe gar versucht, ihm arabische Kommandos beizubringen. Das hat leider nicht gut funktioniert. Dies lag aber wohl weniger an der Fremdsprache als daran, dass Balou ein Dickkopf ist.

Neue Heimat - Der andere Blick auf München
Vier Flüchtlinge, die in ihrer Heimat als Journalisten gearbeitet haben. Nach dem Porträt werden sie regelmäßig eine Kolumne schreiben. Fotografiert auf der Brücke im SZ-Hochhaus.

Der Autor: Mohamad Alkhalaf, 32, stammt aus Syrien. Bis 2015 arbeitete er für mehrere regionale Zeitungen, ehe er vor der Terrormiliz IS floh. Seit der Anerkennung seines Asylantrags lebt er in Kirchseeon.

Die Serie: Zusammen mit drei anderen Flüchtlingen schreibt Alkhalaf für die SZ eine Kolumne darüber, wie es sich in Deutschland lebt und wie er die Deutschen erlebt. Alle Folgen finden Sie auf dieser Seite.

© SZ vom 13.10.2017/axi
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