Neue Heimat Das Salz in der Buchstabensuppe

Sprichwörter sind oft schwierig zu verstehen - wenn man sie wörtlich nimmt.

(Foto: dpa)

Zwar kommt unser Kolumnist aus Syrien schon ganz gut mit der deutschen Sprache zurecht. Dennoch hält sie verlässlich Fallstricke für ihn bereit.

Kolumne von Mohamad Alkhalaf

Seit ich in Bayern lebe, bemühe ich mich, Deutsch zu lernen. Inzwischen kenne ich mich mit Grammatik und Rechtschreibung einigermaßen aus, und doch hält die deutsche Sprache verlässlich Fallstricke für mich bereit. Besonders, wenn die Leute ihren oberbayerischen Dialekt pflegen.

Die Sprache ist wie ein ruhiges Meer: Oberflächlich versteht man das Gesagte. Unter der Wasseroberfläche gibt es Wortstrudel, Untiefen und allerlei mehr.

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Neue Heimat

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Die erste Begegnung mit einem Wolpertinger findet unser Kolumnist aus Syrien eher furchteinflößend. Doch bei genauerem Hinsehen ist ihm das Fabelwesen gar nicht mehr so fremd.   Kolumne von Mohamad Alkhalaf

An einem wunderschönen Sommertag im Garten einer Bekannten ging es ums Garteln. Sie meinte, dass es höchste Zeit sei, dort einige pflegerische Handgriffe zu erledigen. Sie sagte, ich dürfe gleich loslegen: "Das Eisen soll man schmieden, solange es heiß ist." Worauf ich erklärte, dass ich zwar garteln könne, aber ein miserabler Schmied sei. Sie lachte herzlich. Offensichtlich hatte ich sie missverstanden. Und so machte ich mich ganz ohne Schmiedekunst ans Werk.

Nach einiger Zeit kam die Gartenbesitzerin zurück und erfreute sich am Anblick der Beete. Dann aber sagte sie das: "A Hund bist scho." Diese Beleidigung wollte ich nicht auf mir sitzen lassen. Sie klärte mich sogleich auf. Dass es ein Kompliment sei, für "deinen grünen Daumen." Diese Aussage nahm ich - klar - wieder wörtlich und ging ins Bad, um mir die Rasenreste vom Finger zu waschen. Beim Kaffeetrinken wiederholte sie ihren Satz, worauf ich ihr mit gewisser Entrüstung meine sauberen Hände zeigte. Wieder ein Lachen im Gesicht meiner Nachbarin, dann klärte sie das Missverständnis auf.

Es dauert, das alles zu durchdringen, was aber eigentlich zu erwarten war. Im Arabischen gibt es schließlich ebenfalls Sprichwörter, und auch hier sind Missverständnisse vorprogrammiert. Bei einem Café-Besuch zusammen mit einer Freundin ist mir etwas Blödes passiert. Sie wusste viel über mein Land und redete nur positiv darüber. Also wollte ich ihr ein Kompliment machen, indem ich das Sprichwort "Man kann mit der Zunge lügen, aber nicht mit den Augen" zitierte. Diese Worte kamen nicht wie gemeint rüber. Die junge Frau reagierte empört, schlug mit den Fäusten auf den Tisch, so dass der Kaffee überschwappte.

So schnell kann es gehen. Besonders in der kalten Jahreszeit. Vergangenen Winter war der See zugefroren. Auf unserem Spaziergang rund um den See musste ich also ausprobieren, ob das Eis schon trägt - und schlug alle Warnungen in den Wind. Und so kam es wie es kommen musste: Gleich am Ufer brach ich mit einem Bein ein und konnte mich nur mehr auf allen vieren stabilisieren. Ein Spaziergänger rief meinen Begleitern zu: "Holt die Kuh vom Eis." Ich schaute verdutzt auf den See, konnte jedoch kein Tier entdecken. Meine Freunde hielten sich den Bauch vor lauter Lachen. Die Sprichwörter sind die Würze in der Sprache wie das Salz in der Suppe.

Neue Heimat - Der andere Blick auf München
Vier Flüchtlinge, die in ihrer Heimat als Journalisten gearbeitet haben. Nach dem Porträt werden sie regelmäßig eine Kolumne schreiben. Fotografiert auf der Brücke im SZ-Hochhaus.

Der Autor: Mohamad Alkhalaf, 32, stammt aus Syrien. Bis 2015 arbeitete er für mehrere regionale Zeitungen, ehe er vor der Terrormiliz IS floh. Seit der Anerkennung seines Asylantrags lebt er in Kirchseeon.

Die Serie: Zusammen mit drei anderen Flüchtlingen schreibt Alkhalaf für die SZ eine Kolumne darüber, wie es sich in Deutschland lebt und wie er die Deutschen erlebt. Alle Folgen finden Sie auf dieser Seite.