Süddeutsche Zeitung

Neue Heimat:Mein Sixpack steht im Kühlschrank

Die Münchner inszenieren sich im Englischen Garten, als ginge es um den Gewinn bei einem Model-Casting. Unser Autor setzt da andere Prioritäten. Eine Hommage an den Genuss.

Achtung, Achtung! Das Casting hat begonnen. Gesucht wird nach Frauen mit üppiger Oberweite, schmalen Hüften, gertenschlanker Taille. Gebräunt wie eine Wüstendüne soll sie sein - anders gesagt: Gesucht wird eine Frau mit einem sogenannten Bikini-Körper. Für die männliche Variante ist gefragt: Typ Fitnessstudio mit Sixpack, gut erkennbaren Brustmuskeln, Goliath-Schultern und Michelinmann-Muskeln. Interessierte Bewerber für eine Rolle in "Der perfekte Münchner Sommer-Body" mögen am Wochenende wieder in den Englischen Garten kommen.

Die U-Bahn-Fahrt zum Englischen Garten ist wie das Ticket in eine wunderliche Scheinwelt. Auf der Liegewiese zwischen dem Schwabinger Bach und dem Eisbach kommen die Ambitioniertesten zusammen, um sich und ihre maßgeschneiderten Körper zu messen. Mit dem Sommer kriechen sie aus ihren Löchern, wie Perlen, die monatelang von einer Muschelschale verdeckt waren. Die Schale ist abgelegt, die Zeit des Herumstolzierens hat begonnen.

Die Münchner sind gut betucht, wenn es um teure Kleidung und edle Schnitte geht. Im Englischen Garten reicht das aber nicht; weil dort die Hüllen fallen. Alles dreht sich um den Körper, der auf einem Stoffhandtuch im Gras sitzt - oder sich dort rekelt. Über den Winter wurde er zu dem geformt, was sich nun auf einem Laufsteg aus Gras bewegt. Ein dickes Lob an das Hungern nach den Weihnachtsfeiertagen, ein Halleluja auf den Diät-Plan vom Fitnesscoach. Vergessen sind die Stunden, an denen auf Weißwurst und Leberkäse verzichtet wurde, gelobt seien nun jene Tage, an denen die Bierfässer links liegen gelassen wurden. Ein Prost aufs castingfreundliche Mineralwasser.

Solche Sätze müssen in den Köpfen jener herumschwirren, die sich ins Getümmel der Wohlgeformten begeben. Ich mache den Diätmagazinen und Fitnessklubs keinen Vorwurf, die damit Geld verdienen, dass Menschen einem optischen Ideal nacheifern. Sie sind die Stakeholder des Münchner Sommers. Ich aber halte es weiter mit dem Steak, mein Sixpack steht im Kühlschrank. Ein Hoch auf den Genuss, während sich die Münchner und Münchnerinnen an Seen und Flüssen inszenieren, als ginge es darum, einen Model-Contest zu gewinnen.

Drei Sommer habe ich in Bayern bisher erlebt und kann sagen, dass halb nacktes Stolzieren in Gewässernähe ein sommerliches Phänomen dieser Gesellschaft ist. In Nigeria gibt es solche Jahreszeiten-bedingte Sitten nicht, weil dort stets konstant Sommer ist. Niemand würde sich für Herbst oder Winter Gewand kaufen. Das ist der Vorteil dieser Dauerhitze an einem Ort, wo man leicht Kleidung findet, in die man auch hineinpasst. In München ist die Auswahl hingegen gering, gerade für Frauen, die beim Contest im Englischen Garten schlechte Karten hätten. Sie gewinnen bei jenen Männern, die Fleisch den Knochen vorziehen.

So beginnt also die nächste Münchner Casting-Staffel im Englischen Garten. Zwischen Handtüchern und Picknickdecken schreiten sie, die Arnold Schwarzeneggers, mit Barbie an der Hand. Sie füllen den Luftraum mit Schultern, die so breit sind, dass man darauf mehrere Sechserträger Bier transportieren könnte. Doch für diese Sixpacks sind andere zuständig.

Übersetzung aus dem Englischen: Korbinian Eisenberger

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SZ vom 14.06.2019/koei
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