Neue Heimat Das Hendl der anderen

"Gemüse und Früchte sind wie der Sauerstoff für den Körper jenes Teils der Münchner Gesellschaft, in der Vegetariertum und Veganismus das Zepter übernommen haben."

(Foto: Stephan Rumpf)

Nahrung hält den Magen zusammen. Für unseren Kolumnisten braucht es viel Vorstellungskraft, um die vegetarische Lebensform zu verstehen.

Kolumne von Olaleye Akintola

Die Vegetarier dieser Stadt reagieren ähnlich wie die Autofahrer. Stets zufrieden, wenn die Dinge grün leuchten - doch werden sie aggressiv, wenn es vor ihnen rot wird. Grüne Pflanzen statt rotem Fleisch. Auffällig dabei: Die Fleischverweigerer verspüren offenbar den Drang, ihre kulinarische Überzeugung bei jeder Gelegenheit zu thematisieren. Und wenn sie sich in einer Umgebung aufhalten, wo der Speiseplan zu tierisch ist, hungern sie vor sich hin und sehen den anderen dabei zu, wie sie triefende Steaks und würzige Hendlhaxen verschlingen.

Gemüse und Früchte sind wie der Sauerstoff für den Körper jenes Teil der Münchner Gesellschaft, in der Vegetariertum und Veganismus das Zepter übernommen haben. Die Motive sind verschieden, sei es politische Überzeugung, das Streben nach Gesundheit oder die Hoffnung auf purzelnde Pfunde. Interessanterweise lernt man dabei immer wieder Stadtbewohner kennen, die ihr Vegetarier-Dasein mit Kettenrauchen und Weintrinken verbinden. Vielleicht müssen sie den Genuss-Verlust über solche Auswege kompensieren - was allzu nachvollziehbar ist.

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Neue Heimat

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Bleibt die Frage, wie man es schafft, in fast religiöser Abstinenz der Verführung des Fleisches zu widerstehen? Und warum? Gerade in Bayern, wo so viele verschiedene Arten von Fleisch und Wurst zum sofortigen Genuss bereitstehen. Die vegetarische Lebensform zu verstehen, das verlangt von mir immer noch sehr viel Vorstellungskraft.

Und doch scheint es vielen Münchnern wichtig zu sein. Warum sonst wären die Lebensmittelgeschäfte der Stadt so überfüllt mit Früchten und Gemüse. Zwischen den Regalen voll von Tomaten, Gurken und Avocados begegnet man Einkäufern, die Stunden damit verbringen, die Waren per Etikett und Augenmaß zu überprüfen. Als wollten sie testen, ob die Karotte oder der Quark auch wirklich zum Standard des häuslichen Speiseplans passt. Sie prüfen den Zucker-, Fett- und Kaloriengehalt, ehe ein Produkt in den Einkaufswagen kommt.

Welch eigentümliche Attitüde, von der die großen Konzerne ganz offensichtlich profitieren - ist es doch so, dass die als besonders gesund beworbenen Produkte im Geschäft oft teurer, aber weniger nahrhaft sind. Nicht die Preise sind reduziert, sondern der Fettgehalt. Ein Wucher, dessen Sinnhaftigkeit mir nicht einleuchten will.

Für mich steht Nahrung für das, was den Magen zusammenhält. In der Grundschule in Nigeria haben wir gelernt, was die elementaren Kriterien für eine ordentliche Mahlzeit sind: Kohlenhydrate, Protein, Fett und Mineralsalze. Der Mensch muss doch satt werden, oder?

Übersetzung aus dem Englischen: Korbinian Eisenberger

Neue Heimat - Der andere Blick auf München
Vier Flüchtlinge, die in ihrer Heimat als Journalisten gearbeitet haben. Nach dem Porträt werden sie regelmäßig eine Kolumne schreiben. Fotografiert auf der Brücke im SZ-Hochhaus.

Der Autor: Olaleye Akintola stammt aus Nigeria. Bis zu seiner Flucht 2014 arbeitete er dort für eine überregionale Tageszeitung. Nun lebt er in Ebersberg.

Die Serie: Zusammen mit drei anderen Flüchtlingen schreibt Akintola für die SZ eine Kolumne darüber, wie es sich in Deutschland lebt und wie sie die Deutschen erlebt. Alle Folgen finden Sie auf dieser Seite. Hintergründe zu unseren Kolumnisten finden Sie hier.