Neue Heimat Im Wagen vor mir fährt mein Baby spazieren

Meist ist ein Kinderwagen praktisch - manchmal allerdings auch nicht ganz einfach zu manövrieren.

(Foto: dpa)

Ein Kinderwagen ist ein praktisches Vehikel - das allerdings in der Heimat unserer Autorin nahezu unbekannt ist. In Uganda tragen die Frauen ihre Kinder in einem Tuch.

Kolumne von Lillian Ikulumet

Anfangs dachte ich, es handle sich hierbei um ein motorisiertes Transportmittel für Kinder. Man sagt ja auch Krankenwagen - oder Streifenwagen. Nur dass die Insassen in einem Kinderwagen wahrscheinlich deutlich fideler sind. Nun, auch das ist nicht zwangsläufig immer der Fall, wie ich mittlerweile weiß. Überhaupt handelt es sich bei einem Kinderwagen um ein ganz ungewöhnliches Vehikel. Die ersten Monate und Jahre halten die Eltern dieser Stadt den Lenker ihres Kinderwagens fest im Griff.

Ich bin neu in dieser Kinderwagen-Familie. Wo ich herkomme, tragen die Mütter ihre Kinder in Tüchern, um sie in den Schlaf zu versetzen, wenn das Baby sich weigert, in sein Kinderbett zu steigen und ein Nickerchen zu machen. Oder eben zum Transport. Einen Kinderwagen kennt in Uganda so gut wie niemand, es ist ein reines Luxusgut. Die Leute dort wissen gar nicht, was ihnen entgeht.

Kinder und Familie in München Brust raus in Bus und Bahn!
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Als sie ihre kleine Tochter in der Öffentlichkeit stillt, wird unsere Autorin aus Uganda schief angeschaut. Aus ihrer Heimat ist sie ganz andere Reaktionen gewöhnt.   Kolumne von Lillian Ikulumet

Klar, mit einem Kinderwagen durch München zu gehen, ist zunächst einmal eine Herausforderung. Teilweise zischen die Radfahrer an einem vorbei, als würde man gar nicht existieren. Oder man wird von Münchens Hupern erschreckt. Besonders interessant wird es, wenn man in der Rushhour früh am Morgen oder am späten Nachmittag in eine U-Bahn oder in einen Bus einsteigen will.

In manchen Momenten ist es ziemlich stressig mit den Kinderwagen. Dann wünsche ich mir, ich würde meine fünf Monate alte Taliah mit einer Seilschlinge tragen. So wie in Uganda, wo man das Baby entweder mit einem Tuch auf dem Rücken, auf den Hüften oder Schultern trägt. Die Frauen können nebenher fast jede Haushaltsaufgabe erledigen, ohne sich um nicht funktionierende Aufzüge und Rolltreppen kümmern zu müssen.

An manchen Orten kommt man nicht so einfach vorwärts. Glücklicherweise haben die meisten Münchner U-Bahnen und Einkaufszentren Rolltreppen und Aufzüge. Sehr unpraktisch ist jedoch, dass gerade die Aufzüge ganz zuverlässig außer Betrieb sind. Wo es doch heißt, hier in Deutschland seien mit die besten Ingenieure des Planeten am Werk. Nur gut, dass Aufzughersteller sehr selten auch Kinderwagen produzieren.

Aber: Mit etwas Erfahrung lernt man, mit den kleineren und größeren Fehlern dieser Stadt zurechtzukommen. Glücklicherweise trifft man immer wieder nette Leute, die bereit sind, einem den Kinderwagen samt Besatzung und Ausrüstung nach unten zu tragen. Was bemerkenswert ist, weil ich den Korb unter dem Liegebereich des Wagens stets nutze, um dort Unmengen an Lebensmitteleinkäufen zu verstauen.

Ein ambivalenter Transportweg für Kinderwagen ist die Rolltreppe. Als ich zum ersten Mal samt Kinderwagen einen Versuch wagte, wäre mir meine Thalia fast hinuntergerutscht - so unbeholfen stolperte ich auf der Rolltreppe herum. Erst auf den Rat einer Freundin lernte ich den korrekten Umgang bei diesem Manöver: Der Steuermann (oder die Steuerfrau) des Kinderwagens stehe oben auf der Treppe den Rücken nach oben gewandt. Mittlerweile komme ich sogar über die langen Marienplatz-Rolltreppen souverän nach oben und unten.

Je länger ich ihn vor mir herschiebe, desto dankbarer bin ich für meinen Kinderwagen. Ich kann nun sogar Joggen gehen und ihn einfach entspannt vor mir herfahren, ohne dass meine Thalia durgeschüttelt wird. Nun bin ich froh, dass dieser Wagen keinen Motor hat, denn so schläft meine Kleine in vielen Lebenslagen ganz ruhig und friedlich vor sich hin.

Neue Heimat - Der andere Blick auf München
Vier Flüchtlinge, die in ihrer Heimat als Journalisten gearbeitet haben. Nach dem Porträt werden sie regelmäßig eine Kolumne schreiben. Fotografiert auf der Brücke im SZ-Hochhaus.

Die Autorin: Lillian Ikulumet, 36, stammt aus Uganda. Bis 2010 arbeitete sie dort für mehrere Zeitungen, ehe sie flüchtete. Seit fünf Jahren lebt Ikulumet in München.

Die Serie: Zusammen mit drei anderen Flüchtlingen schreibt Ikulumet für die SZ eine Kolumne darüber, wie es sich in Deutschland lebt und wie sie die Deutschen erlebt. Alle Folgen finden Sie auf dieser Seite...