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Neue Heimat:Impfen lassen? Oder das Impfen lassen?

Schutzimpfung

Schutzimpfungen sind bei einigen Eltern umstritten.

(Foto: dpa)

Dieser Frage muss sich unsere Autorin aus Uganda stellen, als ihre kleine Tochter den Schutz bekommen soll. In ihrer Heimat steht man den Spritzen eher ablehnend gegenüber.

Kurz vor Jahresende sollte meine kleine Taliah ihre erste Impfung bekommen. Einen Schutz aus der Spritze, hinein in mein Baby. Als ich im Arztzimmer stand, sie in meinem Arm wiegte, und ihre kleinen Hände anschaute, da raste mein Herz. In mir ging ein Kampf der gemischten Gefühle vonstatten. Meinen Kopf beschäftigte diese eine Frage: Soll ich? Oder soll ich nicht? Soll ich sie nun impfen lassen? Oder soll ich das Impfen sein lassen?

An dieser Stelle ist ein frisch geborener Mensch völlig von den Entscheidungen seiner Eltern abhängig. Es geht um eine Frage, die Teile der Gesellschaft spaltet. Weil es eben anders als sonst oft im Leben kein Zwischending gibt. Es gibt entweder und oder. Ja oder nein. Kein Grau, sondern Schwarz und Weiß. Nur welche von beiden ist die dunkle Seite? Und welche die gute?

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Als sie ihre kleine Tochter in der Öffentlichkeit stillt, wird unsere Autorin aus Uganda schief angeschaut. Aus ihrer Heimat ist sie ganz andere Reaktionen gewöhnt.   Kolumne von Lillian Ikulumet

Meine Oma hat eine klare Antwort auf diese Frage: Als sie Taliah bei ihrer Geburt begrüßte, riet sie mir höflich davon ab, mein Baby impfen zu lassen. Sie argumentiert mit Thesen, wonach der Impfstoff für Mädchen nicht gut ist, sie würden unfruchtbar werden oder später Fehlgeburten haben. Etwa zur gleichen Zeit schickte mir meine Schwester aus Uganda ein Whatsapp-Video, das sich gegen Impfungen an Menschen afrikanischer Herkunft ausspricht. Sie schien mir indirekt zu sagen, ich solle vorsichtig sein, wenn ich mein Kind impfen lassen muss. Oder besser gesagt: Ich solle es lieber bleiben lassen.

Bei allen Kontroversen rund um Impfungen steckte ich mit meiner Kleinen in einem Dilemma. Es ging soweit, dass ich mir sagte, dass ihr Leben von meiner Entscheidung abhängt. Und womöglich bin ich nicht die einzige alleinerziehende Mutter hier in München, der es so geht.

In einigen Teilen Afrikas bezweifeln große Teile der Bevölkerung den Effekt von Impfungen. Einige behaupten, dass die Impfstoffe gar den Tod verursachen könnten. Beispiel ist ein Fall in Kenia: Die Pfarrerin einer Gemeinde hatte offenbar empfohlen, den Impfstoff gegen Tetanus, der Mädchen und Frauen verabreicht wird, abzulehnen. Ihre Argumentation sieht ungefähr so aus: Impfen ist sehr gefährlich - und wenn jetzt jemand dafür werbe, dass sich Frauen impfen lassen sollen, dann sei dies eine heimliche Kampagne gegen die wachsende Bevölkerung in Afrika - also gegen die Fruchtbarkeit. Oder in Nigeria, wo ebenfalls die Polio-Impfkampagne boykottiert wird.

Die Einstellung gegen Impfungen verbreitet sich langsam in ganz Afrika, und einige Eltern weigern sich beharrlich, ihre Kinder, insbesondere Mädchen, impfen zu lassen. München ist weit entfernt von Afrika. Trotz der strengen Regulierung der Qualität und des medizinischen Standards hier weigern sich einige Eltern ebenfalls, ihre Kinder impfen zu lassen - zumindest wurde mir das gesagt.

Es mag logisch klingen, dass ein Kind Krankheiten auf natürliche Weise abzuwehren vermag und ein starkes Immunsystem aufbaut. Doch nicht alle Bedrohungen für ein Kind sind unmittelbar sichtbar. Ich glaube, dass eine Unze Vorbeugung einen großen Beitrag zur Rettung eines Kindes leisten kann. Obwohl der Schmerz vom Schuss aus der Spritze ein oder zwei Minuten dauern kann. Warum nicht, für das Leben seines Kindes und den eigenen Seelenfrieden. Andere mögen das anders sehen. Ich sah meiner Thalia in die Augen und übergab sie dem Arzt.

Neue Heimat - Der andere Blick auf München
Vier Flüchtlinge, die in ihrer Heimat als Journalisten gearbeitet haben. Nach dem Porträt werden sie regelmäßig eine Kolumne schreiben. Fotografiert auf der Brücke im SZ-Hochhaus.

Die Autorin: Lillian Ikulumet, 36, stammt aus Uganda. Bis 2010 arbeitete sie dort für mehrere Zeitungen, ehe sie flüchtete. Seit fünf Jahren lebt Ikulumet in München.

Die Serie: Zusammen mit drei anderen Flüchtlingen schreibt Ikulumet für die SZ eine Kolumne darüber, wie es sich in Deutschland lebt und wie sie die Deutschen erlebt. Alle Folgen finden Sie auf dieser Seite...