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Neue Heimat:Händchenhalten mit Verspätung

Ziemlich viele Zeiger: "Beim Thema Pünktlichkeit gibt es in Deutschland keine Verhandlungsbasis", das hat Lillian Ikulumet bald gemerkt.

(Foto: Robert Haas)

Europäer haben Uhren, Afrikaner haben Zeit: Unsere Kolumnistin kommt aus Uganda und hat in München viel über Beziehungen gelernt.

Mein Ex-Freund Uli ist in Freising aufgewachsen, ich komme aus dem östlichen Teil von Uganda. Zwischen Ulis und meiner früheren Heimat liegen 10 000 Kilometer, und doch führte uns das Leben zusammen - im Sommer 2011, als wir uns auf einer afrikanischen Party in München trafen. Er hat mich angelächelt, ich habe zurückgelächelt, so fing alles an. Weil ich manchmal danach gefragt werde: Als ich Uli kennen gelernt hatte, war ich seit einem Jahr als Flüchtling anerkannt.

Ein wichtiges Thema in Deutschland, das habe ich sowohl in meiner Zeit in Berlin, Hamburg als auch in München erfahren, ist Pünktlichkeit. In Afrika gibt es dafür nicht mal ein richtiges Wort. Oder anders gesagt: Die Europäer haben Armbanduhren, die Afrikaner haben die Zeit. Ich bin mit der Einstellung in die Beziehung mit Uli gegangen, dass er schon auf mich warten wird, auch wenn ich eine halbe oder sogar eine ganze Stunde zu spät zu einem Treffen erscheine. In Uganda war das so üblich, Termine sind in Afrika nicht mehr als eine Orientierungshilfe, besonders bei Privattreffen.

Einmal habe ich Uli fast eineinhalb Stunden warten lassen. Er hatte sich gefreut, dass wir zusammen zu Abend essen. Ich dachte mir, es macht nichts, weil wir keinen Restauranttisch reserviert hatten. Uli sah das anders, wir haben dann nicht gegessen, sondern gestritten. Beim Thema Pünktlichkeit gibt es in Deutschland keine Verhandlungsbasis, also habe ich beschlossen, mich zu bessern.

Noch mehr beschäftigt mich die Gepflogenheit der Deutschen, vor anderen Händchen zu halten. Ich war überrascht, dass sich in München sogar gleichgeschlechtliche Partner in der Öffentlichkeit küssen - in Uganda werden Schwule und Lesben schließlich ausgegrenzt und vom Gesetz verfolgt. In meiner früheren Heimat können Homosexuelle oder Unterstützer der Schwulen-und Lesben-Bewegung bis heute lebenslänglich eingesperrt werden. Als Journalistin hätte ich die Freiheit haben müssen, den Gesetzesentwurf zur "Uganda Gay Bill" im Jahr 2010 in Frage zu stellen, wo die Todesstrafe für Homosexuelle gefordert wurde. Wegen meiner Veröffentlichungen dazu wurde ich jedoch angegriffen und verwundet.

Uli wusste, dass ich von Uganda geprägt war. Er merkte, dass ich meine Hand zurückzog, wenn er mir seine gab, und dass ich ihm nur nahe kam, wenn wir uns alleine in einem Raum befanden. Ich glaube, dass das am Anfang gar nicht einfach für ihn war, aber Uli kennt meine Geschichte und hat das akzeptiert. Vier Jahre ist es mittlerweile her, seit Uli aus Freising sich zu mir an den Tresen stellte. Seither haben wir beide viel über Deutschland und Afrika gelernt.

Uli suchte eine Frau, die - langfristig gesehen - zu Hause auf ihn wartet. Dafür war ich jedoch die Falsche. Ich habe mittlerweile ein Masterstudium absolviert und möchte mich als Autorin etablieren. Jetzt, wo ich endlich frei bin, will ich diese Möglichkeiten nutzen. Uli und ich hatten uns in 13 Monaten Partnerschaft auf unsere interkulturellen Marotten eingestellt. Dass wir uns getrennt haben, hatte einen anderen Grund - weswegen die meisten Beziehungen auseinander gehen: Ulis Pläne passten nicht zu meinen.

Neue Heimat - Der andere Blick auf München
Vier Flüchtlinge, die in ihrer Heimat als Journalisten gearbeitet haben. Nach dem Porträt werden sie regelmäßig eine Kolumne schreiben. Fotografiert auf der Brücke im SZ-Hochhaus.

Die Autorin: Lillian Ikulumet, 36, stammt aus Uganda. Bis 2010 arbeitete sie dort für mehrere Zeitungen, ehe sie flüchtete. Seit fünf Jahren lebt Ikulumet in München.

Die Serie: Zusammen mit drei anderen Flüchtlingen schreibt Ikulumet für die SZ eine Kolumne darüber, wie es sich in Deutschland lebt und wie sie die Deutschen erlebt. Alle Folgen finden Sie auf dieser Seite...