Neue Heimat "Wie schaugt's aus, gehma morgen zum Frühschoppen?"

Ein klassischer Ort für ein klassisches Ritual: die Dorfwirtschaft.

(Foto: dpa)

"Seit wann geht man in Bayern an einem Sonntagmorgen zum Einkaufen?", fragte sich unser Autor aus Syrien - und hat sich das Frühschoppen mal angesehen.

Kolumne von Mohamad Alkhalaf

Irgendwann passiert einem das in Bayern. Irgendwann bekommt man die Frage aller Fragen gestellt: "Wie schaugt's aus, gehma morgen zum Frühschoppen?" Die Frage stellt sich stets an einem Samstag. Und für den Unbedarften schließt sich daran natürlich gleich die nächste Unsicherheit an: Seit wann geht man in Bayern an einem Sonntagmorgen zum Einkaufen?

Der aufgeklärte Frühschopper nimmt am Sonntagvormittag keinen Einkaufskorb mit, sondern sein Biergewand. Sprich: Er zieht eine Lederhose an, Haferlschuhe, ein Trachtenhemd und zieht los zum Frühschoppen. Eine Gepflogenheit, zu der sich der Bayer in ein Wirtshaus begibt und in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Bier in sich hineinschüttet.

Neue Heimat "Hawedehre, Drecksau gscherte"
Neue Heimat

"Hawedehre, Drecksau gscherte"

Mit den bayerischen Grußformeln ist es so eine Sache, musste unser Kolumnist aus Syrien feststellen. Aber am Ende ist es stets lieb gemeint.   Kolumne von Mohamad Alkhalaf

Zu dieser Analyse gelangt, wer am Sonntag die Einwohner der Gemeinde Kirchseeon östlich von München bei dieser Praxis begleitet. Es lassen sich Menschen beobachten, die einen halben Liter Bier in Sekundenschnelle verschwinden lassen, als seien sie zuvor tagelang durch eine Wüste gewandert. Nur dass sie keine Beduinen-Kopftücher tragen, sondern einen Gamsbart, der stets wackelt, wenn der Träger zum Bierkrug greift.

Eines sollte man bei solch beeindruckender Trinkleistung nicht vergessen: Traditionell setzt man sich zuerst in die Kirche und feiert die katholische Sonntagsmesse, ehe man sich dem Frühschoppen widmet. Viele Bayern verzichten jedoch auf den ersten feierlichen Teil der Zeremonie. Ihre Erklärung ist meist, dass sie bereits den Vorabend feierlich genutzt haben, wenn auch in aller Regel nicht in einem Gotteshaus. Um möglichst ausgeschlafen und durstig für die anschließende Wirtshauszeremonie zu sein, lassen sie den Kirchgang schweren Herzens ausfallen.

Ich wollte ein Schlückchen probieren und fragte meinen Nachbarn angesichts seiner Trinkgewalt: "Bleibt da noch was übrig nach deinem ersten Schluck?" Ich bat ihn, sich ein bisschen zu zügeln. Da schaute mich der Kellner fassungslos an. Nach einer kurzen Erholungspause erklärte er mir, dass sich die Begriffe "Bier" und "zügeln" in diesen Räumen gegenseitig ausschließen würden.

So saßen, aßen und sprachen wir über Gott und die Welt. Hier unterscheidet sich ein Frühschoppen kaum von einem Frühstück in einem syrischen Kaffeehaus. Zumindest solange nicht über Politik gesprochen wird, da muss man in meiner früheren Heimat seine Zunge hüten, weil die Spione des Geheimdienstes überall lauern können. Nun gibt es eben nicht mehr Hummus, Ful und Falafel sondern Brezn und Obazdn. Statt Tee wird Bier serviert, und die Volksmusik klingt ein wenig anders. Dafür dürfen beim Frühschoppen Frauen mit dabei sein. Vielleicht dachten sie ja beim Wort "Schoppen" auch an etwas ganz anderes.

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Vier Flüchtlinge, die in ihrer Heimat als Journalisten gearbeitet haben. Nach dem Porträt werden sie regelmäßig eine Kolumne schreiben. Fotografiert auf der Brücke im SZ-Hochhaus.

Der Autor: Mohamad Alkhalaf, 32, stammt aus Syrien. Bis 2015 arbeitete er für mehrere regionale Zeitungen, ehe er vor der Terrormiliz IS floh. Seit der Anerkennung seines Asylantrags lebt er in Kirchseeon.

Die Serie: Zusammen mit drei anderen Flüchtlingen schreibt Alkhalaf für die SZ eine Kolumne darüber, wie es sich in Deutschland lebt und wie er die Deutschen erlebt. Alle Folgen finden Sie auf dieser Seite.