Kolumne "Neue Heimat" Schweinsbraten ist mein Gemüse

Der Schweinebraten gehört zu Bayern - auch wenn der Salat in München trendy ist.

(Foto: Victoria Bonn-Meuser/dpa)

In der Heimat unserer Autorin ist Fleisch ein Festessen. Dementsprechend schwer fällt es ihr, Salat als Hauptspeise an einem besonderen Tag zu akzeptieren.

Von Lillian Ikulumet

Essen ist etwas Fantastisches. Es lässt unsere Sinne angenehm kribbeln, kann wie ein Antidepressivum wirken und Verbindungen zwischen Menschen schaffen. Gibt es doch nichts Schöneres, als in Gesellschaft der Menschen, die wir lieben, eine ordentliche Mahlzeit zu genießen.

Ordentlich ist das Stichwort. Klar, wir alle haben unsere Gewohnheiten und Vorlieben beim Essen, und manche nehmen es damit weitaus ernster als andere. Unter ihnen existiert längst jene Spezies von Essern, bei denen man von einer Mahlzeit nicht mehr sprechen kann. In München ist das besonders auffällig: Immer mehr Stadtbewohner sitzen vor Schälchen,in denen nichts ist außer Salat. Als - Achtung: Hauptmahlzeit. Salat ist zum Trend auf den Tellern dieser Stadt geworden. Und ich frage mich, warum so viele Münchner diese Eigenart so konsequent aushalten?

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Die Münchner warten nicht aufs Essen - sie snacken den ganzen Tag über vor sich hin. Dieser Angewohnheit kann unsere Autorin wenig abgewinnen.   Kolumne von Lillian Ikulumet

Es begann alles mit einem Restaurant-Besuch mit einer Freundin am Marienplatz, gemeinsam wollten wir auf ihren Geburtstag anstoßen. Ich bestellte mir aus diesem Anlass logischerweise eine Portion Schweinsbraten mit Knödel. Doch meine Begleiterin bat den Ober um einen Salat mit Kürbiskernen. Ich fragte sie, was mit ihr los sei. Schließlich hatten wir an diesem Abend einen Grund zum Feiern. So erfuhr ich, dass Salat mit Kürbiskernen offenbar seit kurzem Teil ihres neuen Lifestyle ist. Salat bei einer Feier. Verstehe einer die Münchner.

Um meine eigene Verwirrung zu verstehen, hilft zu wissen, dass ugandische Teller fast immer mit Gemüse oder Linsen gefüllt sind, auf verschiedene Arten zubereitet. Nicht etwa, weil der Veggie-Trend auch Uganda erreicht hätte, sondern weil Gemüse in weiten Teilen des Landes Hauptnahrungsmittel ist. In aller Regel wird es zu Kohlehydraten wie Maniok, Süßkartoffeln oder Bananen serviert. An normalen Tagen sind viele Ugander fleischlose Kost gewöhnt. Fleisch wird nur zu Anlässen wie Weihnachten oder Ostern aufgetischt.. Oder einem Gast angeboten, den man lange nicht gesehen hat, während der Rest der Familie Bohnen oder Gemüse isst.

Am Feiertag jedoch ist Fleisch in Uganda quasi Pflicht. Wenn eine Familie an diesem Tag kein Fleisch gekauft hat, muss sie wirklich arm sein. Jeder wäre dann traurig, Beziehungen sind wegen solcher Vorfälle schon in die Brüche gegangen. In München hingegen ist es fast schon umgedreht. Salat steht hier für bewusste, gesunde Ernährung. Es ist für viele die Speise der Schönen und Gebildeten. Schaut man auf die Skandale bei der Tiermast, ist diese Entwicklung durchaus wertvoll. Wenn ich mir jedoch die Preise für einen Salatteller in Münchens Lokalen anschaue, lobe ich mir meinen Krautsalat, serviert mit Speck, Soße, Semmelknödel und einem ordentlichen Schweinsbraten.

Neue Heimat - Der andere Blick auf München
Vier Flüchtlinge, die in ihrer Heimat als Journalisten gearbeitet haben. Nach dem Porträt werden sie regelmäßig eine Kolumne schreiben. Fotografiert auf der Brücke im SZ-Hochhaus.

Die Autorin: Lillian Ikulumet, 36, stammt aus Uganda. Bis 2010 arbeitete sie dort für mehrere Zeitungen, ehe sie flüchtete. Seit fünf Jahren lebt Ikulumet in München.

Die Serie: Zusammen mit drei anderen Flüchtlingen schreibt Ikulumet für die SZ eine Kolumne darüber, wie es sich in Deutschland lebt und wie sie die Deutschen erlebt. Alle Folgen finden Sie auf dieser Seite...