Süddeutsche Zeitung

Flüchtlinge:In München kann man sich fühlen wie ein echter "Homofürst"

Lesezeit: 2 min

Gegenüber Schwulen und Lesben sind die Bayern viel toleranter, als sie es sich selbst eingestehen, sagt unsere Autorin aus Uganda. In ihrer Heimat drohen Homosexuellen immer noch furchtbare Strafen.

Kolumne von Lillian Ikulumet

Die Bayern werden oft als konservatives Volk beschrieben, gerade wenn es um Familie und Partnerschaft geht. Dafür spricht, dass die meisten Menschen in Bayern bei Wahlen CSU wählen, der man ja eine gute Beziehung zu Traditionen und zur katholischen Ehe nachsagt. Würde man das Ideal einer bayerischen Familie zeichnen, wären auf dem Bild zu sehen: ein Mann, eine Frau und zwei Kinder, alle vier mit einem Lächeln wie auf der "Kinder Schokolade"-Schachtel, und dahinter ein Herrgottswinkel mit Kreuz.

Kinder solcher Bilderbuchfamilien nennen sich nach der Schule gegenseitig gerne "Homofürst", sie meinen den Ausdruck nicht unbedingt als Kompliment. Dennoch sieht man in München manchmal Männer, die Händchen haltend durch die Stadt gehen. Je weiter man in die Region kommt, desto seltener werden diese Bilder, dafür wird dort häufiger die Vokabel "Schwuchtel" bemüht - man muss nur mal bei einem Amateur-Fußballspiel dabei gewesen sein. Wer in Bayern wohnt, der würde kaum behaupten, dass man hier beim Thema Homosexualität übertrieben aufgeschlossen ist.

Richtig gefährlich wird es für Homosexuelle in Bayern aber eher selten, es sei denn, man wohnt in einer Massenunterkunft, wo Menschen aus allen Ländern der Welt zusammenkommen. Als ich vor einigen Jahren im Asyl-Erstaufnahmelager ankam, da wurde ein bekennender schwuler Afghane von einem anderen Bewohner attackiert und verletzt, der Angreifer hatte ganz offensichtlich etwas gegen Schwule. Kein Wunder, dass ich keinen zweiten Schwulen in einer Massenunterkunft erkannt habe. Die Menschen, die dort wohnen, wissen, wie schmerzhaft ein Outing sein kann.

Diese Beobachtung zeigt wiederum das Problem: Anderswo regiert die Intoleranz nicht nur auf Fußballplätzen, sondern ist tief in Gesellschaft, Religion, Kultur und Staat verankert. In vielen afrikanischen Ländern werden sich Homosexuelle auch in 20 Jahren nicht außerhalb eines geschlossenen Raums küssen können, ohne die Wut eines Lynchmobs befürchten zu müssen. Meine frühere Heimat Uganda ist so ein Land. Ich erinnere mich an den Fall einer jungen lesbischen Frau, deren Cousin sich vorgenommen hatte, sie umzupolen, also hat er sie vergewaltigt. Als Journalistin habe ich über Fälle wie diese berichtet. Als 2009 eine Gesetzesinitiative aufkam, wonach Homosexuelle mit dem Tod bestraft werden sollten, habe ich Fragen gestellt, kurz darauf musste ich Uganda verlassen.

Wenn man aus einer Region wie dieser kommt, ist München wie das Paradies. Ein schwuler ugandischer Freund von mir war diesen Sommer zum ersten Mal beim Christopher Street Day dabei, einem Festtag, an dem Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle in einer Parade durch München ziehen. Mein Freund führte dort vor Tausenden Menschen einen Tanz auf, der in Uganda Frauen vorbehalten ist. Es war wundervoll, ihn zu sehen, immer mit dem Wissen, dass er sich dafür daheim eine lange Gefängnisstrafe eingehandelt hätte.

Wenn es um Homosexualität geht, sind die Bayern viel toleranter, als sie es sich selbst eingestehen. Hier müssen Schwule und Lesben zwar manchmal fiese Sprüche ertragen, doch niemand muss sich in Hinterzimmern von Bars oder in seiner Wohnung verstecken. Im Gegenteil, es gibt sogar Beispiele, wo Homosexuelle unterstützt werden, warum sonst gäbe es in München Schwulenbars oder den Schwulen-Sonntag auf dem Oktoberfest. An solchen Orten werden Schwule und Lesben fast schon fürstlich bedient. In München bekommt man eine Idee, wie es sich anfühlen muss, ein echter Homofürst zu sein.

Übersetzung aus dem Englischen: Korbinian Eisenberger

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SZ vom 25.11.2016/eca
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