Flüchtlinge:Ich dachte, alle deutschen Mädchen hätten blaue Augen und blondes Haar

Heidi Klum arrives at the 2016 American Music Awards in Los Angeles

Syrische Männer erwarten ein Land, das zur Hälfte von Heidi Klums (Foto) und Claudia Schiffers bewohnt ist, sagt unser Autor.

(Foto: Danny Moloshok/Reuters)

Klischees gibt es in jeder Kultur. Wie unser Autor aus Syrien gelernt hat, sie zu hinterfragen.

Kolumne von Mohamad Alkhalaf

Es gab eine Zeit, da dachte ich, alle deutschen Mädchen hätten blaue Augen, blondes Haar und würden sich ausschließlich für Mode und Diskotheken interessieren. So plump das auch klingen mag: Nicht nur mir ging es so, in Syrien wird einem genau das vermittelt, wann immer es im Fernsehen oder in der Zeitung um das Leben in Deutschland geht. Nach einem Jahr in Oberbayern weiß ich, dass dieses Bild ziemlich daneben ist, ein Klischee, das alle gleichmacht. Als ich jedoch im Herbst 2015 in Kirchseeon ankam, da wusste ich das noch nicht.

Eine der ersten Frauen, die ich in meiner neuen Heimat getroffen habe, war Rebecca. Sie sah nicht aus wie die Blondinen, die ich im Kopf hatte. Rebecca hatte braune Augen, dunkle Haare, ein Antlitz fast wie eine Ägypterin. Ihre Augen strahlten nicht in stahlblauer Himmelfarbe, eher warm und dunkel, wir Syrer würden sagen: wie Wellen im Meer. Ich war höchst überrascht, nie hätte ich geglaubt, hier eine Araberin zu treffen. Doch als ich sie mit einem syrischen Gruß ansprach, da erschrak sie und rannte weg. Sie musste genauso überrascht gewesen sein wie ich.

Unser Treffen fiel genau in eine Zeit, da dachte Rebecca, Männer vom Typ schwarze Haare, dunkler Bart und finstere Augen würden entweder Flugzeuge in Hochhäuser fliegen oder nachts deutsche Frauen überfallen. Bei Rebecca daheim wurde genau das vermittelt: Pass auf, geh nicht allein raus, wenn die finsteren Männer unterwegs sind. Egal, wo man herkommt, fast immer besteht bereits ein Bild einer Kultur. So war das bei Rebecca, und so war das bei mir. Syrische Männer erwarten ein Land, das zur Hälfte von Heidi Klums und Claudia Schiffers bewohnt ist. Und in Deutschland haben sie ein Fangspiel: "Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?", heißt es. Und Rebecca hatte Angst. Sie hätte die Straßenseite gewechselt, wäre sie mir zu dieser Zeit im Ort begegnet. Der Zufall hat geholfen, um all dies zu erfahren.

Ein paar Tage später begegneten wir uns wieder, diesmal war Rebecca in Begleitung einiger junger Leute, von denen ich zwei schon kannte. Ich hatte mich ausgerechnet mit zwei Menschen zum Tischtennis verabredet, die mit Rebecca befreundet waren. Rebecca und ich sind über den Abend ins Gespräch gekommen, ein wilder Mix aus Händen, Füßen und einigen Brocken Deutsch.

Ich vermute, sie hat nur recht wenig von dem verstanden, was ich ihr damals erzählt habe, aber: Seit diesem Abend weiß Rebecca, dass ich keine Flugzeuge fliege und mich im Finstern mehr fürchte als sie selbst. Und ich weiß, dass Rebecca sich die Haare nicht hat färben lassen, sondern einfach noch nie blond war. Nachdem ich ihr ein Foto meiner Verlobten gezeigt hatte, sind wir dann alle zusammen weggegangen - nicht in die Disco, sondern in eine Café-Bar.

Vier Flüchtlinge, die in ihrer Heimat als Journalisten gearbeitet haben. Nach dem Porträt werden sie regelmäßig eine Kolumne schreiben. Fotografiert auf der Brücke im SZ-Hochhaus.

Mohamad Alkhalaf, 32, stammt aus Syrien. Bis 2015 arbeitete er für mehrere regionale Zeitungen, ehe er vor der Terrormiliz IS floh. Seit der Anerkennung seines Asylantrags lebt er in Kirchseeon.

Die Serie: Zusammen mit drei anderen Flüchtlingen schreibt Alkhalaf für die SZ eine Kolumne darüber, wie es sich in Deutschland lebt und wie sie die Deutschen erlebt. Alle Folgen finden Sie auf dieser Seite.

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