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Neue Heimat:Auf gute Nachbarschaft

Regel Nummer eins: Der Garten muss gepflegt sein.

(Foto: Marco Einfeldt)

Mähen, Rosen schneiden oder Blumen pflanzen - unser Autor merkt nach seiner Flucht aus Syrien schnell: Der Rasen muss eine gute Frisur haben, das ist vielen seiner Nachbarn wichtig.

Ich schrecke auf, geweckt von dem lauten, allzu bekannten Pfeifen fallender Präzisionsbomben. Sofort verspüre ich blanke Angst, die in meiner syrischen Heimat Rakka zu meinem Alltag geworden ist. Doch dann höre ich sanfte Vogelstimmen und realisiere, dass ich mich in meiner neuen Wohnung in Deutschland befinde. Hier ist der IS für die meisten Menschen nicht mehr als ein mediales Horrormärchen. Ich lächle erleichtert, wie konnte ich nur einen vorbeifahrenden Zug für eine Bombe halten.

Nach einigen Monaten in Flüchtlingslagern wohne ich nun bei einem älteren Ehepaar, das mir die Einliegerwohnung ihres Hauses vermietet hat. In meiner neuen Nachbarschaft droht keine Gefahr mehr, Nachbar zu sein ist in Kirchseeon eine friedliche Angelegenheit - solange man sich an die Regeln hält.

Regel Nummer eins: Der Garten muss gepflegt sein. Ich darf die Terrasse mitbenutzen - und den Garten, in dem viele Blumen wachsen. Gleich nebenan wohnt ein älteres Ehepaar, und wann immer ich morgens aus meinem Schlafzimmerfenster schaue, sehe ich, wie die beiden in ihrem Garten den Rasen mähen, Rosen schneiden oder Blumen pflanzen. Der Rasen muss eine gute Frisur haben, das ist vielen meiner Nachbarn wichtig.

Regel Nummer zwei: Man sollte sich mit dem Haustier seiner Nachbarn gut stellen. Rosi, die kleine Mischlingshündin meiner Vermieter, ist ein wichtiger Teil meiner Nachbarschaft. Am Anfang war das sehr ungewöhnlich für mich, in der arabischen Kultur werden Hunde kaum als Haustiere gehalten. Es dauerte einige Monate, doch mittlerweile habe ich dieses herzliche Tier sehr zu schätzen gelernt. Rosi besucht mich oft in meiner Wohnung und lässt sich inzwischen sogar von mir kraulen.

Regel Nummer drei: helfen. Es ist wichtig, dass man sich unter die Arme greift, zum Beispiel die Blumen gießt, wenn der Nachbar übers Wochenende verreist ist. Derzeit ist es so, dass meistens ich derjenige bin, der Hilfe braucht, bei der Mülltrennung oder mit dem Briefträger. Wenn ich mit meiner Vermieterin Gisela spreche, begrüßt sie mich nicht nur mit einem kurzen Servus, sondern bietet mir immer ihre Hilfe an. In Syrien konnte ich meinen Nachbarn am Ende nicht mehr trauen. Wer hält eher zum IS? Wer zu Präsident Assad? Als Journalist in Syrien bin ich zwischen die Fronten geraten, und deshalb bin ich jetzt hier in Kirchseeon.

Klar, man muss sich hier anpassen, damit man in der Nachbarschaft nicht aneckt. Ich bin erst am Anfang des Lernprozesses, der Weg in die Gesellschaft ist sicherlich noch weit. Aber ich merke, wie es jeden Tag ein kleines Stückchen weitergeht. Ich freue mich darauf, wenn ich bald selbst jemandem helfen kann, so dass es ihm danach besser geht. Die großartige Unterstützung des Helferkreises und der Nachbarn werde ich bis dahin sicher nicht vergessen haben.

Meine geflüchteten Freunde, die ich in Kirchseeon kennengelernt habe, bemühen sich genau wie ich, niemanden zu verärgern oder Vorurteile zu bestätigen. Und trotzdem ist es für die Einheimischen bestimmt nicht immer ganz leicht mit mir, weil die Situation auch für sie neu ist. Etwa für die vierjährige Enkelin meiner Vermieterin: Sie hat sich vor ein paar Wochen noch nicht in meine Nähe getraut. Neulich hat sie mir dann plötzlich einen selbstgepflückten Blumenstrauß mitgebracht. Er steht jetzt auf meinem Küchentisch und macht mir Hoffnung, dass die Bayern und die Neubayern zusammenwachsen.

Vier Flüchtlinge, die in ihrer Heimat als Journalisten gearbeitet haben. Nach dem Porträt werden sie regelmäßig eine Kolumne schreiben. Fotografiert auf der Brücke im SZ-Hochhaus.

Der Autor: Mohamad Alkhalaf, 32, stammt aus Syrien. Bis 2015 arbeitete er für mehrere regionale Zeitungen, ehe er vor der Terrormiliz IS floh. Seit der Anerkennung seines Asylantrags lebt er in Kirchseeon. Foto: Florian Peljak

Die Serie: Zusammen mit drei anderen Flüchtlingen schreibt Alkhalaf für die SZ eine Kolumne darüber, wie es sich in Deutschland lebt und wie er die Deutschen erlebt. Alle Folgen finden Sie auf dieser Seite.