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Neuburg an der Donau:Die Lust am Hinterfragen

Der Maler Gerd Dengler kommentiert mit seinen Bildern die Werke flämischer Barockmeister

Bloß kein falsches Pathos. Hinter dem Totenkopf lauert die Ketchupflasche, den verlorenen Sohn begrüßt die Henne im Spiegelei. Osias Beerts prachtvollem "Blumenstillleben" begegnet der Maler Gerd Dengler mit "Tulpen aus Holland vom Lidl am Abend". Und der üppigen Flora, die umgeben von Nymphen und Amoretten im Garten sitzt - der "Frühling" aus dem berühmten Jahreszeitenzyklus, den Jan Brueghel der Ältere gemeinsam mit Hendrik van Balen schuf - setzt er ganz drastisch rammelnde Osterhasen entgegen. Gerd Dengler reagiert in seinen Bildern gern und auch schon sehr lang auf Werke berühmter Meister. Kein Wunder, dass er der Bitte des Kulturreferats der Stadt Neuburg nicht widerstehen konnte, doch einmal über die flämischen Barockmeister nachzudenken.

Deren Originale hängen nebenan im Residenzschloss, in dem die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen 2005 eine sehenswerte Filialgalerie eröffnet haben. Sie zeigt Werke von Peter Paul Rubens, der für die Neuburger Hofkirche das "Große Jüngste Gericht" (heute Alte Pinakothek) malte, aber auch Meister wie Anthonis van Dyck, Jacob Jordaens, Jan Cossiers, Frans Francken d. J., Frans Snyders oder Jan Wildens. Im Rathausfletz, der Städtischen Galerie, hängen die Reproduktionen neben Denglers ironischen Monotypien. Die Bilder haben alle ein ähnliches Format. Na ja, sagt Dengler und zuckt mit den Schultern. "Man liest so viel von Demokratie, da dachte ich, ich mach' sie alle gleich groß." Mit Neuburg ist er seit vielen Jahren verbunden. Erst war es nur ein Malkurs, doch von 1982 an baute er eine Sommerakademie auf, die unter seiner künstlerischen Leitung zu einer namhaften Institution wurde. Abgesehen von den zwei Sommerwochen lehrte er von 1975 bis 2005 als Professor für Malerei, Grafik und Kunsterziehung an der Akademie in München.

Gerd Denglers "Hügellandschaft mit Wildenten (für Stevie Casino)".

(Foto: Christoph Vohler)

Eigentlich entstanden alle in Neuburg gezeigten Bilder für das Buch "30 000 Jahre Malerei", Denglers ganz persönlicher Hommage an die Malkunst. Das Werk, an dem er fast zehn Jahre gearbeitet hat, beginnt bei der Höhlenmalerei, reicht bis in die Gegenwart. Dengler kombiniert darin 145 Bilder, die jeweils einem Maler, manchmal einer Epoche oder einer Stilrichtung gewidmet sind, mit Versen, Kalauern, Briefen, Dialogen, Schulaufsätzen, Erzählungen, Märchen und Parodien. Erstaunlich, dass es, obwohl seit 2009 abgeschlossen, noch immer nicht im Buchhandel zu kaufen ist. Die Verlage weigerten sich, das Opus zu entdecken. Sagt Dengler und mutmaßt, das könne auch daran liegen, dass Beuys bei ihm nicht so gut wegkomme.

Ernsthaft: Warum ist aus dem Buch trotz prominenter Unterstützung durch seinen Jugendfreund Gerhard Polt und dessen Frau Tini nichts geworden? Dengler zögert ein wenig. "Das Sich-Selbst-Anbieten ist nicht so mein Ding", sagt der 80-Jährige dann. Weshalb er irgendwann mit dem "Recycling" der Abbildungen begonnen hat und sie in immer neuen Arrangements Geschichten erzählen lässt. Wie eben hier in Neuburg, wo er auf Frans Snyders' "Hirschjagd" mit einem röhrenden Hirschen reagiert, den ein Jäger vom Hochsitz aus abschießt. "Röhr / peng" lautet die Bildunterschrift. Ein Hirsch mit Sprechblase sei für viele immer noch ein Sakrileg, sagt Dengler. Und beginnt vom niederländischen Maler Jan Steen (1626 - 1679) zu schwärmen. "Der besaß eine Wirtschaft, hat die ganzen Schlägereien, die er gemalt hat, mitgemacht. Sehr authentisch."

Flachlandschaft bei Sonnenuntergang

"Flachlandschaft" des flämischen Malers Lucas van Uden.

(Foto: Bayerische Staatsgemäldesammlungen)

Geboren wird Dengler 1939 im böhmischen Karlsbad. Sechs Jahre später verschlägt es seine Familie nach Murnau, der Sohn kommt in die Schule. "Ich war für die anderen der Polack, aber mit Hilfe des Fußballspielens ging die Integration dann ganz gut." Das braune Kreuz, das er über blauen Bergspitzen davonfliegen lässt, ist durchaus als Reminiszenz an die Zeit zu verstehen, als das "Blaue Land" noch eher ein "Braunes Land" war.

Das Gymnasium absolviert er in München, erwischt mit Erich Glette einen "tollen Professor" an der Akademie. Freilich: "Glette hielt mich für einen Ami, weil ich einen Stiftlkopf hatte und eigentlich kein Wort redete." Formal folgt Dengler den klassischen Themen, malt Stillleben, Allegorien, Landschaften oder Seestücke, hinterfragt aber kontinuierlich und hinterfotzig ironisch den Sinn der Malerei, indem er erkundet, was sie genau abbildet. Folgerichtig übersetzt er eine Seeschlacht mit der Darstellung eines Mordes. Ein Mann stößt eine Frau über Klippen ins Meer. "Diese Felsen haben eigentlich alle gemalt, die Impressionisten genauso wie Rousseau." Gern arbeitet Dengler auch mit falschen Perspektiven, das irritiert den Betrachter so schön.

Die Monotypien entstehen auf einer großen Radierpresse. "Mal gelingt es, mal nicht." Oft trägt er Firnißfarben, die viel Öl enthalten, mit den Fingern auf, streicht sie mit Gummiwalzen aus. Einer "Flachlandschaft" Lucas van Udens stellt er eine "Hügellandschaft mit Wildenten" gegenüber, gemalt in Erinnerung an Stevie Casino, den Chamer Künstler, der 2012 den Freitod wählte. Der Tod seines ehemaligen Studenten hat ihn tief getroffen.

Aber das ist dann fast schon zu viel Gefühl. Dengler räuspert sich und schaut wieder auf das braune Kreuz. Ein Kritiker habe geschrieben, in seinen Gemälden leuchte das Licht auch hinter den Dingen, sagt er. "Aber da hatte ich nur den Schatten vergessen."

Hommage an flämische Meister. Gerd Denglers respektvolle Annäherung, bis 15.3., Do., Fr., 17 bis 19 Uhr, Sa., So., 11 bis 19 Uhr, Städtische Galerie im Rathausfletz, Neuburg an der Donau

© SZ vom 28.02.2020

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