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Neubauprojekte:So versucht München Ghettobildung zu vermeiden

Richtfest für das Quartier "Schwabinger Tor" in München, 2016

An der Leopoldstraße entsteht das neue Quartier "Schwabinger Tor".

(Foto: Stephan Rumpf)
  • Bei der Planung von Neubaugebieten bemüht sich die Stadt, durch einen Bevölkerungsmix von Reicheren und Ärmeren einen Beitrag zum sozialen Frieden zu leisten.
  • In den Vierteln zeigt sich, wie wichtig es ist, dass sich die Bewohner auch selbst organisieren und engagieren.
  • Andere Städte blicken neugierig auf dieses Modell.

Elf Jahre ist es her, da brannten in den Banlieues, den Vorstädten der französischen Hauptstadt Paris, wochenlang Autos. Geht man im Jahr 2016 abends durch ein Viertel am Stadtrand von München, dann brennt da vielleicht mal eine weggeworfene Kippe. "Wir wollen keine Banlieues wie in Frankreich", sagt Norbert Wendrich, "wir wollen keine No-go-areas, früher hätte man Glasscherbenviertel gesagt."

Der Jurist leitet bei der Stadt München eine Abteilung mit dem schönen Namen Grundsatzangelegenheiten, Referat für Stadtplanung und Bauordnung. Dafür, dass in der Landeshauptstadt keine Glasscherbenviertel entstehen, sagt er, dafür gibt es die Münchner Mischung.

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Die Münchner Mischung also, diese Grundsatzangelegenheit, hat nichts mit Kaffee zu tun und nichts mit Tee. Mit den Heißgetränken hat sie allenfalls gemeinsam, dass auch sie einerseits belebend und andererseits ausgleichend wirken soll. Sie ist, wenn man so will, elementar für den Kreislauf eines Stadtviertels. Dort funktioniert das gesellschaftliche Leben nämlich dann besonders gut, wenn das Viertel attraktiv ist für Menschen aus unterschiedlichen Einkommensschichten.

Das ist eine Erkenntnis, die nur vermeintlich banal ist. Denn in der Wirklichkeit ist es doch so, dass sich Ähnliches wie ganz von allein zu Ähnlichem gesellt, und dass es keinesfalls die Norm ist, dass ein Quartier für alle da ist, für den Arbeitslosen, für die Friseurin, für den Polizisten, die Lehrerin und den Ingenieur. Wie schnell hat ein Viertel seinen Ruf weg. Wie schnell ist es wahlweise das Armenghetto oder das Reichenghetto. Wie schnell ist ein einstiges Vorzeigeviertel zum sozialen Brennpunkt abgestempelt.

Damit es so weit nicht kommt, achtet die Stadt München beim Bau neuer Quartiere darauf, dass neben frei finanzierten Mietwohnungen und Eigentumswohnungen auch mindestens 30 Prozent geförderte Wohnungen entstehen. Werden städtische Flächen zur Bebauung veräußert, steigt der Anteil der geförderten Fläche auf 50 Prozent. Außerdem versucht man verstärkt, alternative Modelle wie Genossenschaften und Baugemeinschaften zum Zug kommen zu lassen.

Seit 34 Jahren arbeitet Norbert Wendrich bei der Landeshauptstadt München, und schon damals, 1982, gab es die Münchner Mischung. Bereits während der Aufbaujahre in der Nachkriegszeit hätten diese Überlegungen zur Vielfalt der Viertel zunehmend an Bedeutung gewonnen. Die Mischung leiste - "das klingt jetzt vielleicht pathetisch" - nicht weniger als einen "Beitrag zum sozialen Frieden". Wobei das nicht heiße, dass es in München keine Probleme gebe, schränkt er ein.

Trotzdem: Was man heute richtig macht, sagt Norbert Wendrich, das wirkt 50, 70, 100 Jahre lang und funktioniert dann immer noch. Was man falsch macht, das wirkt genauso lange, aber eben negativ. München hat da einiges richtig gemacht. Anders als viele andere deutsche Städte, die öffentlich geförderte Wohnungen oft in großem Stil an einem Fleck bauen ließen und so ganze Viertel in Ghettos für sozial Schwache verwandelten.