Neubaugebiet:Freiham ist eine gewaltige Herausforderung für die Planer

Freiham Baustelle und Freifläche, geplantes Wohngebiet

Die Schulen entstehen noch vor den Wohnungen: Der Bau des neuen Freihamer Bildungscampus an der Bodenseestraße läuft bereits auf vollen Touren. Drumherum liegen die früheren Ackerflächen noch brach.

(Foto: Florian Peljak)
  • In Freiham wird das größte neue Wohngebiet seit den Siebzigerjahren gebaut.
  • Dort entstehen gut 10 000 neue Wohnungen, 7500 Arbeitsplätze, diverse Schulen und 13 Kindertagesstätten.
  • In dem neuen Stadtquartier im Münchner Westen sollen einmal gut 30 000 Menschen leben und arbeiten.

Von Dominik Hutter

Ein Teil des Skeletts liegt schon im Boden: Graue Asphalt- und Schotterbänder, die von weiten schneebedeckten Brachflächen umgeben sind. Sie bilden das spätere Straßensystem ab, einige Kanäle und Stromleitungen sind bereits verlegt. Das Rückgrat des Ganzen bildet die Aubinger Allee, die einmal die Hauptachse des neuen Stadtviertels sein wird.

Wer möchte, kann die von hölzernen Lichtmasten gesäumte Straße schon entlangfahren - von der Riesenbaustelle des Bildungscampus an der Bodenseestraße bis hinauf zu den beiden einsamen Schulbauten, in denen seit Beginn dieses Schuljahres die ersten Kinder lernen. Es gibt eine Albert-Camus-Straße, abgesperrt von Betonpollern, die Ellis-Kaut-Straße und den Hans-Clarin-Weg. Alle mit den stadtüblichen blau-weißen Tafeln ausgeschildert. Nur Wohnhäuser gibt es nicht. Noch nicht.

Auf der weiten Fläche ganz im Westen von München sollen in spätestens 20 Jahren 25 000 Menschen wohnen. Die "europaweit größte Siedlungsmaßnahme derzeit", wie Sabine Steger, die zuständige Abteilungsleiterin im Planungsreferat, betont. Neben gut 10 000 neuen Wohnungen entstehen 7500 Arbeitsplätze, diverse Schulen und 13 Kindertagesstätten.

Allein der Bildungscampus wird eine fünfzügige Grundschule, ein sechszügiges Gymnasium, eine fünfzügige Realschule und ein 19-klassiges Förderzentrum für insgesamt 3000 Schüler beherbergen. Dazu kommen ein Sportpark, ein Stadtteilzentrum nahe dem S-Bahnhof Freiham sowie ein zentral im Wohnviertel gelegenes Quartierszentrum für die Nahversorgung, eine Stadtbibliothek und ein Kulturbürgerhaus. Und eine neue U-Bahn.

Noch aber pfeift der Winterwind über die kargen Flächen. Im Hintergrund ist das Rauschen der Bodenseestraße und des nahegelegenen Autobahnrings zu hören. Freiham - das galt schon in den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts als die große Münchner Siedlungsreserve im Westen. Gebaut wurden zunächst aber nur die "Entlastungsstädte" in Neuperlach und am Hasenbergl. Später hatten dann frei werdende Kasernenflächen und die Messestadt Riem Vorrang. Freiham, gut zwölf Kilometer vom Marienplatz entfernt, dämmerte derweil weiter vor sich hin. "Weil es so weit draußen war", berichtet Steger.

Vergessen war das Areal jedoch nie; über die Jahrzehnte gab es immer wieder Planungen für ein neues Stadtquartier. Gebaut wird aber erst jetzt. Südlich des S-Bahnhofs Freiham sind bereits die ersten Wohnblöcke bezogen, es gibt ein Hotel, einen Friseur und ein Ärztehaus. Nördlich der Bodenseestraße startet der Wohnungsbau in diesem Jahr. 2024 soll der erste, im Osten und Süden gelegene Bauabschnitt vollendet sein.

10400 Wohnungen

sollen in zwei Bauabschnitten in Freiham entstehen. Maximal. An den Planungen für die beiden Bauphasen lässt sich ablesen, wie die Planung mit der sich verschärfenden Wohnungsnot immer dichter wurde. Denn Abschnitt eins umfasst 4400 Wohnungen auf 85 Hektar im Süden und Osten des Geländes. Abschnitt zwei, im Westen gelegen und 57 Hektar groß, wurde noch einmal umgeplant und soll nun Platz für 5000 bis 6000 Wohnungen bieten. Die früher in diesem Bereich vorgesehenen Einfamilienhäuser wurden durch größere Blöcke ersetzt.

Dort entstehen überwiegend zwei-bis fünfgeschossige Wohnhäuser, an der zentralen Aubinger Allee kann es noch ein wenig mehr in die Höhe gehen. In den Wohnquartieren befinden sich für jedermann zugängliche Innenhöfe - urban, aber aufgelockert grün soll es aussehen. In Richtung S-Bahnhof Freiham stehen größere Wohnblocks; das dortige Stadtteilzentrum besteht aus drei Hochhäusern rund um einen großen Platz und einer Art offenem Einkaufszentrum, wie es Steger nennt.

Shoppen unter freiem Himmel ist damit gemeint, Fußgängerzone statt Mall. Der zweite Bauabschnitt des Wohnquartiers im Nordwesten wird deutlich dichter bebaut, im April gibt das Planungsreferat den Preisträger des städtebaulichen Wettbewerbs bekannt. Freiham-Süd, das Gewerbegebiet, ist schon seit einigen Jahren fertig.

Jetzt wird dichter, urbaner gebaut

Das Besondere an Freiham ist: Zumindest im ersten Realisierungsabschnitt ist die Stadt München nicht nur Planer, sondern auch Investor. Das liegt an der vorausschauenden Politik des früheren Oberbürgermeisters Hans-Jochen Vogel, unter dem die Stadt 1966 damit begann, systematisch alle Grundstücke aufzukaufen. Sie kann heute deshalb ohne längere Diskussionen mit privaten Bauherren ihre Ideen in Sachen Nachhaltigkeit, Inklusion und Mieterstruktur verwirklichen. Tatsächlich gebaut werden die Häuser von den städtischen Wohnungsgesellschaften GWG und Gewofag sowie von Genossenschaften und Baugemeinschaften.

Wie aber überplant man eigentlich ein paar Äcker und Wiesen am Stadtrand? Am Anfang, so erklärt Steger, stehe immer die Idee von einer Struktur. Wie könnte man auf der Fläche die Häuser anordnen? Wo sollten Straßen verlaufen, wo sind Grünflächen sinnvoll und wo bieten sich Flächen für zentrale Infrastruktur wie Läden an? Und wie viele Menschen könnten in dem neuen Viertel denn Platz finden? Bei dieser wichtigen Frage geht es um Erfahrungswerte, um Geschossflächenzahlen und um die Frage, wie urban es denn bitteschön sein soll.

Gewofag Freiham

So soll es einmal aussehen im Zentrum Freihams. Ob die Trambahn kommt, ist allerdings unsicher - die Stadtratsmehrheit will lieber eine U-Bahn.

(Foto: Florian Peljak)

Von der Zahl der Einwohner wiederum hängt ab, wie viele Schulen und Kitas benötigt werden, welche Verkehrsanbindung sinnvoll ist und welche soziale und kulturelle Infrastruktur. "Wir haben da langjährige Erfahrung", versichert Steger. Die Stadt wisse ziemlich genau, wie viele Einrichtungen die Bewohner eines neuen Stadtteils benötigen. Man muss sich das Ganze vorstellen wie kommunizierende Röhren. Will man mehr Einwohner, benötigt man auch mehr Schulen und mehr Buslinien. Und eigentlich auch mehr Grün, was aber bei immer dichterer Bebauung schwierig werden kann. Wer an einer Stellschraube dreht, darf die vielen anderen nicht vergessen.

In Freiham sollen dazu gleich noch Versäumnisse aus den umliegenden Quartieren korrigiert werden, in denen in den vergangenen Jahren ebenfalls viel gebaut wurde. Deshalb sind die beiden Grundschulen jetzt schon in Betrieb. Korrekturen im Planungsprozess sind immer wieder möglich. Der zweite Bauabschnitt etwa sollte ursprünglich auch aus Einfamilienhäusern bestehen. Davon ist die Stadt wegen des starken Zuzugs und der Flächenknappheit wieder abgekommen.

Jetzt wird dichter, urbaner gebaut. In der Folge werden mehr Schul- und Kitaplätze benötigt; die Verkehrsverbindungen müssen leistungsfähiger ausfallen. Steger ist heilfroh, dass sich die Stadt nun zu einer U-Bahn durchgerungen hat. Allerdings hat auch eine solche Entscheidung Folgen: Eine Trambahn hätte eine kleinräumigere Erschließung ermöglicht als die U-Bahn, die man nicht an jeder größeren Straßenecke halten lassen kann.

Der Investor fürs neue Stadtteilzentrum ist abgesprungen

Und natürlich wird es dauern, bis die Röhren gegraben sind, bislang ist ja noch nicht einmal klar, wo die Bahnhöfe hinkommen werden. Vermutlich wird die MVG in der Zwischenzeit mit Provisorien arbeiten müssen, mit Expressbussen etwa. Immerhin: Der neue Stadtteil verfügt jetzt schon über zwei S-Bahnhöfe: Freiham im Süden und Aubing im Norden.

In der Stadtverwaltung beschäftigt das neue Quartier diverse Abteilungen der verschiedenen Fachreferate. Um das komplett selbst geplante und finanzierte Stadtviertel zu realisieren, wurde unter Federführung des Planungsreferats eine Arbeitsgruppe initiiert, die sich regelmäßig trifft. Mit klarer Aufgabenverteilung: Stegers Behörde etwa übernimmt die grundsätzlichen Planungen, muss sich aber auch um Dinge wie etwa die Schaffung von Baurecht kümmern. Straßen und Wege fallen in den Aufgabenbereich des Baureferats, Schulen und Kitas werden vom Bildungsrereferat gemanagt.

Natürlich gilt es auch Rückschläge zu verkraften. So ist den Planern der Investor fürs neue Stadtteilzentrum, die Patrizia, abgesprungen. Der Bau des zentralen Platzes am S-Bahnhof Freiham muss nun neu vergeben werden. Steger schätzt, dass man etwa ein Jahr verloren hat. Irgendwann aber wird man von dem kleinen Aussichtsturm an der Aubinger Allee auch dort eine große Baustelle beobachten können. Freiham kommt. Diesmal wirklich.

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