Süddeutsche Zeitung

Neuaubing:"Hat eh nichts gebracht"

Mittelschüler setzen sich für Spielgeräte auf ihrem tristen Pausenhof ein. Bisher erfolglos

Von Ellen Draxel, Neuaubing

Stefanie Batmaca ist Lehrerin. Vor eineinhalb Jahren war sie Klassenleiterin der 6 g in der Mittelschule an der Wiesentfelser Straße, aber nicht nur das: Als Demokratiebeauftragte der Schule lag und liegt es ihr am Herzen, den Schülern zu zeigen, wie viel man mit demokratischen Werten erreichen kann. Im Mai 2019 besuchte sie deshalb mit ihren Sechstklässlern das Münchner Kinder- und Jugendforum. Im Gepäck: ein Antrag von zwei Mädchen, der die Bitte formulierte, den Pausenhof der Mittelschule mit mehr Spielmöglichkeiten auszustatten. Denn der Schulhof der Neuaubinger Schule ist zwar groß, aber angebotslos, trist und grau. Bis jetzt hat sich daran nichts geändert, trotz großem Einsatz.

Das Votum im Forum war positiv, die Schüler begannen mit der Planung. Sie erstellten Zeichnungen, machten Umfragen in allen Klassen, nahmen an einer Ortsbegehung mit Vertretern des Referats für Bildung und Sport, des Baureferats, des Bezirksausschusses, der Schulleitung und der Schulsozialarbeit teil. Dennoch wurde bis dato von all den Wünschen der Jugendlichen nichts realisiert. Dabei ist der Bedarf schon seit 20 Jahren bekannt: Damals hat man die Schulgebäude saniert, die anschließend geplante Pausenhofsanierung dann aber wegen eines finanziellen Engpasses der Stadt abgesagt.

Und heute? "Die Schüler sind frustriert, dass sie sich engagiert haben und nichts passiert", sagt Stefanie Batmaca. Gelernt hätten "die Kinder momentan nur, dass sie sich viel Arbeit gemacht haben, es die Mühe aber nicht wert war", bestätigt Rektorin Elsbeth Zeitler in einem Brief an Aubings Lokalpolitiker. Das, kritisiert sie, sei "ein schlechtes Ergebnis eines Demokratieprozesses". Nach dem Motto: "Das hat ja eh nichts gebracht."

Inzwischen seien am Pausenhof täglich drei Situationen zu beobachten, so die Schulleiterin. Erstens: Kinder, die um eine Schaukel und ein Klettergerüst herumstehen, die sie beide nicht benützen dürfen, weil die Geräte, die zum Hort gehören, vom TÜV nicht für ihr Alter zugelassen sind. Zweitens: jüngere Schüler, die, weil ihnen langweilig ist, die älteren ärgern, die eigentlich ihre Ruhe wollen. Und drittens: Streitigkeiten zwischen zwei Kindern, um die dann die restlichen 343 Schüler herumstehen. "Denn", so Zeitler, "etwas anderes gibt es ja nicht zu tun." Die Langeweile, bekräftigt Batmaca, sei inzwischen "sehr groß", das Konfliktpotenzial in Zeiten von Corona noch gestiegen. "Wir Lehrer tun uns mittlerweile sehr schwer, die Kinder zu betreuen."

Gewünscht hatten sich die Mädchen und Jungen eigentlich eine Boulderwand mit Fallschutzboden, einen Parcoursbereich, ein Bodentrampolin, ein Klettergerüst, eine Korbschaukel und eine Chill-Zone. Ende November bestellt von der Stadt wurde nun ein Materialhäuschen - ohne Spielgeräte.

Im Referat für Bildung und Sport begründet man den Status quo einerseits mit den baulichen Bedingungen. Die Montage einer Boulderwand etwa sei "aufgrund der Beschaffenheit der Außenfassade des Gebäudes nicht möglich", erklärt die stellvertretende Sprecherin Julia Mayer. Zu Verzögerungen komme es aber auch aufgrund der Corona-Pandemie. "Beim Hersteller des Gerätehauses zum Beispiel gibt es Lieferschwierigkeiten, sodass die für Dezember geplante Aufstellung verschoben werden musste", sagt Mayer. Außerdem sei die Stadt durch sinkende Steuereinnahmen und steigende Ausgaben gezwungen, geplante Investitionen auf den Prüfstand zu stellen. "Maßnahmen, die nicht sicherheitsrelevant sind, müssen leider verschoben werden, und dazu zählen Pausenhofsanierungen."

Dem Bildungsreferat, betont die Sprecherin, sei es "jedoch ein großes Anliegen, das Engagement der Schulfamilie weiter positiv zu begleiten". Deshalb würden im engen Austausch mit den Verantwortlichen der Mittelschule Finanzierungs- und Realisierungsmöglichkeiten geprüft. Lehrerin Stefanie Batmaca jedenfalls hat schon angekündigt, dass sich da nun "etwas tun" müsse, ansonsten könne sie als Demokratiebeauftragte "nicht mehr weitermachen".

Immerhin: Spielgeräte für das Materialhäuschen dürften die Schüler auf jeden Fall bekommen. Beim jüngsten Treffen des vom Verein Kultur- und Spielraum organisierten Partizipationsprojekts "Lasst uns mal ran" haben Jugendliche der Mittelschule 500 Euro aus dem Fonds beantragt. Geldgeber ist der Bezirksausschuss Aubing-Lochhausen-Langwied. Das Gremium fordert jetzt die Komplettsanierung und Neugestaltung des Pausenhofs. "Diese Modernisierungsmaßnahme", so die Lokalpolitiker, sei für den Schulbetrieb und die Schüler "von großer Bedeutung". Und von 2021 an soll die Aufenthaltsqualität mit kurzfristigen Maßnahmen verbessert werden.

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SZ vom 24.12.2020
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