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Netze im Meer:"Die Netze stellen eine enorme Bedrohung der marinen Artenvielfalt dar"

Die Münchnerin ist mit holländischen Tauchern der Ghost Fishing Stiftung unterwegs. Die Aktion ist anstrengend und gefährlich. Es geht bis zu 20 Meter hinab, das Bergen der schweren Käfige und Netze kostet Kraft. Einmal, hatte die schlanke Frau vor der Abreise noch erzählt, sei sie an ihr Limit gestoßen. Es war in Australien, "die Strömung hat uns hin und her geworfen, mir ging die Kraft aus, es war grenzwertig." Seither ist sie noch vorsichtiger.

Geschätzte 640 000 Tonnen Geisternetze töten jedes Jahr Hunderttausende Seehunde, Seelöwen, Tümmler, Haie und andere Fische, auch Vögel und kleinere Organismen, die für das Ökosystem wichtig sind. "Die Netze stellen eine enorme Bedrohung der marinen Artenvielfalt dar", sagt die Biologin. Sie treiben als Plastikmüll umher, sinken auf den Meeresboden oder fischen weiter, wenn ihre Besitzer längst zu anderen Gründen gezogen sind.

"Der größte Feind der Delfine ist der Mensch"

Auch in der Adria hat sich die Zahl der Delfine dadurch drastisch verringert. Dort verbrachte Verena Platt-Till als Kind mit der Familie viele Sommer. "Mein Großvater hat mir in Kroatien das Tauchen beigebracht", erzählt sie. Korallen, Schildkröten, Seepferdchen, Doraden, Meeräschen - die bunte Unterwasserwelt habe sie fasziniert. "Davon ist heute nichts mehr da. Das Meer ist tot. Es ist krass", sagt sie bitter.

Heute ist das Tauchen für sie nicht nur Sport, den sie auch in bayerischen Seen betreibt, sondern eine Mission, "um die Welt ein kleines bisschen besser zu machen." Es gehe nicht darum, den örtlichen Fischern das Leben schwer zu machen, sagt Platt-Till bei ihrem Anruf aus Irland. "Im Gegenteil: Wir wollen sie mitnehmen." Deshalb erklären sie ihnen, was sie tun, versuchen mit ihnen gemeinsam Lösungen zu finden. Ein irischer Muschelfischer habe sich spontan angeschlossen und mit seinem Kranboot Reusen hoch gezogen. Solche kleinen Erfolge machen Mut.

"Der größte Feind der Delfine ist der Mensch", sagt die Biologin. "Fast 90 Prozent der Meere gelten mittlerweile als über- oder maximal befischt." Die Meeressäuger finden immer weniger Nahrung und landen als Beifang in den Netzen der immer größeren Fischereiflotten. Wer das weiß, kann vor allem eines tun: "Weniger Fisch essen", sagt sie. Denn auf die meisten Umweltsiegel sei kein Verlass. Gerade das blau-weiße Siegel des Marine Stewardship Council (MSC) ist in jüngster Zeit in die Kritik geraten. Es prangt auf Thunfisch-Pizza, Fischstäbchen und Katzenfutter und soll nachhaltige Fischproduktion auszeichnen. Doch Umweltschützer zweifeln an der Glaubwürdigkeit.

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Und wer im Urlaub Delfine entdeckt? "Der sollte ihnen nicht hinterherjagen", sagt die Biologin, "sondern respektieren, dass er sich in ihrem Lebensraum aufhält, und warten, ob sie von selbst kommen." Der Tourismus habe vielerorts absurde Züge angenommen. "Am Roten Meer findet mittlerweile eine regelrechte Hetzjagd auf Delfine statt. Da werfen Skipper der Boote sogar Kinder ins Wasser, damit sie mit Delfinen schwimmen können. Wo früher zwei, drei Schnellboote rausfuhren, sind es heute 50 oder mehr." Für die einen sei es die Jagd nach dem schnellen Geld, für die anderen die Jagd nach dem spektakulären Urlaubsfoto. Am Ende werde es dort aber keine Tiere mehr geben.

Sie selbst hat immer wieder "magische Momente" mit Delfinen erlebt, sagt Verena Platt-Till. "Aber das waren Zufälle. Ich würde nie mit Delfinen schwimmen." Deswegen gibt es auch keine Fotos mit ihr und Delfin. "Da bin ich sehr streng."

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