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Naturkundemuseum Biotopia:Geruchsbildung

Bei der "Masterclass Smell" werden Duftproben in Plastikkugeln aufbewahrt.

(Foto: Thomas Dashber)

Eine "Masterclass Smell" erkundet mit Sissel Tolaas bei der Kulturstiftung Nantesbuch den wohl rätselhaftesten der menschlichen Sinne und holt das Unsichtbare ins Bewusstsein

Von Stephanie Schwaderer

Der übelste Stinker ist mehrfach gesichert. Er liegt nicht nur in einer Kunststoffkugel wie die anderen Geruchsproben - Moose und Farne, Schneckenschleim und Blüten. Die graubraune Masse steckt zudem in einer Plastiktüte, die wiederum mit Klebeband umwickelt ist. Sissel Tolaas zupft ungeduldig an der Verpackung. "Mal sehen, ob er noch so stark ist", sagt sie. Gestern sei es einigen Teilnehmern schlecht geworden. Sie strahlt unter ihrem hellblonden Pony hervor. "Sissel hat das entdeckt", erklärt Fritz Strempel. "Sie hat es schon von weitem gerochen." Die Norwegerin zuckt die Achseln. "Das war quite easy out in the Moor." Endlich ist die Tüte offen. Millimeter für Millimeter zieht sie die Kugelhälften auseinander und lässt ein bisschen Geruch entweichen. Die Mischung erinnert an Erbrochenes und alte Babywindel. "Ooh ja", stöhnt Strempel und dreht den Kopf zur Seite. "Nicht halb so stark wie gestern", sagt Tolaas ein bisschen enttäuscht. Das passiere immer, wenn man Dinge aus ihrem Kontext nehme.

Es ist Tag drei der "Masterclass Smell", zu der die Kulturstiftung Nantesbuch in Zusammenarbeit mit dem Naturkundemuseum Biotopia ins Lange Haus bei Bad Heilbrunn eingeladen hat. Vor einem Jahr hatte dort der amerikanische Klangforscher Bernie Krause mit seiner "Masterclass Sound" Bewusstseinserweiterung über die Ohren betrieben. Nun also geht es um die Nase - und um den womöglich rätselhaftesten der menschlichen Sinne.

Seit 30 Jahren sammelt Sissel Tolaas Gerüche.

(Foto: Thomas Dashuber)

Seiner Erkundung hat sich Sissel Tolaas verschrieben, eine Frau, die Mathematik, Chemie, Linguistik und Kunst studiert hat und sich Anfang der Neunzigerjahre erstmals die Frage stellte: "Was heißt Atmen?" Jeder Mensch atme am Tag 25 000 Mal ein und aus, wobei er sich Millionen von Duftmolekülen aussetze, erklärt sie. Die Informationen des Geruchsinns gelangten ungefiltert ins limbische System, also dorthin, wo auch Emotionen und Erinnerungen angesiedelt sind. Das Unsichtbare ins Bewusstsein zu holen, "das ist die Challenge of my Life", sagt sie.

So wie sie beim Sprechen gerne die Sprachen mischt (neun hat sie nach eigenem Bekunden gelernt), so arbeitet sie als Künstlerin, Wissenschaftlerin und Designerin vorzugsweise interdisziplinär. Vor 30 Jahren hat sie angefangen, Gerüche zu sammeln. Ein Archiv, das sie in ihrer Wahlheimat Berlin aufgebaut hat, umfasst mittlerweile 8000 Proben. Und immer wieder erregt sie Aufsehen mit haarsträubenden Kunstaktionen. So synthetisierte sie etwa den Geruch der Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs oder bestückte eine Ausstellung mit dem Angstschweiß von 19 Männern.

Die Masterclass in Nantesbuch nimmt sich im Vergleich dazu auf den ersten Blick idyllisch aus. Es geht um die Kommunikation via Geruchsstoffen in der Natur, um die Interaktion zwischen Pflanzen, Tieren und Menschen. Tolaas hat fünf internationale Künstlerinnen und Künstler zu dem fünftägigen Experiment eingeladen, zudem eine Entomologin und einen Umweltforscher von der Universität Zürich.

Die ersten beiden Tage haben die Teilnehmer dazu genutzt, auf dem 320 Hektar großen Gelände, in Wiesen, Wald und Moor, ihren Nasen zu folgen und Geruchsproben zu sammeln - jene bunten Schätze, die nun wie Christbaumkugeln in einem improvisierten Labor im Langen Haus liegen. Eine zweite Exkursion führte sie in den Permakultur-Garten der Stiftung, wo es an sonnigen Tagen summt und brummt. Jeder durfte sich ein Minibiotop auswählen und darin Pflanzen und Insekten beobachten. Heute, am dritten Tag, soll durch gezielte Geruchsmanipulationen in diese Beziehungsgefüge eingegriffen werden. Sissel Tolaas hat dazu Dutzende Fläschchen aus ihrem Berliner Archiv mitgebracht. Es geht um eine Begegnung auf Nasenhöhe.

Die Künstlerin Isabel Lewis versucht im Permakultur-Garten Kontakt zu Bienen aufzunehmen.

(Foto: Thomas Dashuber)

Das Konzept hat sich Fritz Strempel ausgedacht, ein junger Berliner Künstler, der schon mehrere Projekte mit Tolaas umgesetzt hat und bei dieser Masterclass als ihr Assistent wirkt. Der schlanke, hochgewachsene Mann steuert zielstrebig ein paar Topinambur-Pflanzen an. Eine sei von einer Maus angeknabbert worden, erzählt er; an der Wundstelle habe sich ein faulig riechendes Sekret gebildet, das gestern eine Menge Hornissen angezogen habe. Sein Plan: Er wolle diesen Duft auf eine intakte Pflanze übertragen und sehen, ob die Hornissen auch darauf ansprächen. Vor der Pflanze geht er tief in die Hocke, taucht mit dem Kopf weit hinunter Richtung Mulch und saugt mit der Nase am Stängel entlang. "Der Geruch ist noch da!" Was jedoch fehlt, sind die Hornissen.

Auch Fliegen und Käfer, die mit fremden Düften überrascht werden sollten, haben heute offenbar keine Künstlersprechstunde. Kein Summen und Brummen, stattdessen nur ein Rauschen in den Blättern. "Zu viel Wind", diagnostiziert Strempel. Verlass ist immerhin auf die Honigbienen. Auf einem gelbblühenden Mauerpfeffer wuselt es nur so vor fleißigen Sammlerinnen. Vor ihnen kniet Isabel Lewis, Tänzerin und Choreografin, und hält eine mit synthetisiertem Rosenduft getränkte Pappkarte in die Blüten. Reagieren die Bienen darauf? "Schwer zu sagen", antwortet sie, ohne den Blick abzuwenden. "Ich habe noch nie versucht, mit Insekten zu kommunizieren." Was erwartet sie sich von dieser Masterclass? Als Künstlerin wolle sie alle Sinne ihres Publikums ansprechen, antwortet sie, nicht nur die Augen. Seit sie Sissel Tolaas kennengelernt habe, setze sie bei ihren Performances auch Duftstoffe ein. Sie genieße die Herausforderung, ihren Geruchssinn, ihre ganze Wahrnehmungsfähigkeit zu schulen. Nach zehn Minuten legt sie die Rosenkarte beiseite. Die Bienen sammeln unverändert weiter. Lewis springt auf und geht sich eine neue Duftprobe holen. "Ich probiere es mal mit totem Fisch."

Welche Erkenntnis zieht die Meisterin aus diesem Nachmittag? Sissel Tolaas lacht. "Wind ist ein starker Faktor." Dieses Freiluft-Experiment sei auch für sie eine Premiere. "Man braucht Geduld und Flexibilität." Wichtiger als handfeste Ergebnisse seien der Prozess an sich, der Austausch zwischen den Teilnehmern an der Schnittstelle zwischen Kunst und Wissenschaft, auch das Ringen um Worte für das Unsichtbare. "The process is the product."

Auch Strempel hat an diesem Tag etwas gelernt. Der rätselhafte Stinker ist nichts anderes als Gewölle, unverdauliche Nahrungsreste, die Eulen und andere Greifvögel hervorwürgen. "Gewölle", wiederholt er. Womöglich ein Kandidat fürs Berliner Duft-Archiv.

© SZ vom 16.07.2020

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