Kritik:Bühne frei für den Platzhirsch

Kritik: Bryn Terfel ist "Falstaff", ein Mann in der späten Midlife Crisis, der nicht begreift, dass seine Anziehungskraft auf Frauen erheblich nachgelassen hat.

Bryn Terfel ist "Falstaff", ein Mann in der späten Midlife Crisis, der nicht begreift, dass seine Anziehungskraft auf Frauen erheblich nachgelassen hat.

(Foto: Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper)

Lange geplant, nun endlich die Premiere vor Publikum: die Neuinszenierung von Verdis "Falstaff" im Nationaltheater. Die Begeisterung am Ende ist groß.

Von Klaus Kalchschmid, München

Als am 2. Dezember 2020 die Online-Premiere der Neuinszenierung des "Falstaff" von Mateja Koležnik im Nationaltheater ohne Publikum zu Ende ging, verschwand auf dem PC plötzlich die Farbe, und man sah, wie in einer Video-Schalte, Schwarz-Weiß-Bildschirme, auf denen die Protagonisten ungeschminkt erschienen. Als die Kamera wieder auf die Totale zoomte, tauchten sie mit verschiedenfarbigem Mundschutz auf und sangen - nicht! Alles kam vom Band, auch das Orchester stand im überbauten, ins Parkett gezogenen "Graben" und spielte - nicht! Das war ein genialer (Theater-)Coup der Regisseurin. Er zeigte schmerzlich und doch mit Witz, dass die Aufführung nur als Film präsent war. Eine doppelte Bedeutung bekam damit das "Tutta nel mondo è burla - Alle werden wir auf der Welt gefoppt" am Ende von Verdis letzter Oper als resignativ lächelndes Resümee in der strengen Form einer Fuge.

Bereits geplant für die Opernfestspiele 2020, gab es jetzt die Premiere vor Publikum: Nun singen alle brav an der Rampe, hinter ihnen wiegen sich im Takt der Musik jede Menge halbnackte Tänzerinnen mit großen weißen Federbüschen und ein Tänzer mit großem gläsernen, nur von der Seite erkennbarem Phallus.

Auch wenn Maske getragen und man mehrfach überprüft wird (3G+ gilt im Restaurant, im übrigen Haus noch 3G), ist das Parkett doch (fast) voll und die Begeisterung am Ende groß, nicht zuletzt über das Bayerische Staatsorchester, das wieder im Graben spielen darf und hörbar Freude an den vielen kleinen Volten hat; ebenso an en knackigen Ausbrüchen, mit denen Verdi eine raffinierte Komödie komponiert hat - seine einzige außer dem frühen "Un giorno di regno". Der 80-Jährige nimmt sein Lebenswerk der 24 vorausgegangenen Opern auf die Schippe bis hin zu wunderbar selbstironischen Zitaten.

Tempo und orchestrale Brillanz in einem Stück, in dem herrlich mehrstimmig gegeneinander geplappert wird

Antonino Fogliani, der bei den "Montagsstücken" der Staatsoper schon Rossinis "Il singo bruschino" spritzig dirigiert hatte, sorgt auch jetzt mit dem blendend aufgelegten Staatsorchester für Tempo und orchestrale Brillanz in diesem Ensemble-Stück, wo immer wieder so herrlich mehrstimmig mit- und gegeneinander geplappert wird.

Wie in Donizettis letzter Oper "Don Pasquale" begreift hier ein Mann in der späten Midlife Crisis einfach nicht, dass seine Anziehungskraft auf Frauen in den besten Jahren erheblich nachgelassen hat und man es schon raffiniert anstellen muss, um nochmal zum Zug zu kommen. Dann wird beiden übel mitgespielt. Bei Verdi und seinem genialen Textdichter Arrigo Boito herrscht im 3. Akt aber auch Mitleid mit dem sich heillos überschätzenden Mann, den der großartige Bryn Terfel mit eben so viel Würde wie Tragikomik in Stimme, Spiel und Erscheinung ausstattet. Wenn er als Sir John wankend an der Rampe steht und sein einziges Glück ein Schluck Glühwein wäre, ist der Komponist ganz bei ihm.

Als später das holzvertäfelte Casino der Sechzigerjahre, dessen Wände sich immer wieder wie von Geisterhand bewegen (Bühne: Raimund Orfeo Voigt), nach hinten durchlässig und Nanetta bei ihrer Feen-Arie von einer Burlesque-Show begleitet wurde, bekam das Ganze zusammen mit den schwarzmaskierten Männern, die Falstaff mit Spazierstöcken bedrohen, einen irreal gefährlichen Zauber.

Zuvor dominierte aufgetakelter Schick (Kostüme: Ana Savić-Gecan) und Realismus mit Zimmermädchen, Liftboys und Hauspersonal vor Schränken mit Wäsche oder Schuhen. Vito Priante blieb als eifersüchtig rasender Ford etwas blass, umso schöner sangen seine Frau Alice (Cristina Pasaroiu) und Mrs. Quickly (Lindsay Ammann). Daria Proszek verkörperte mit prallem Mezzo und viel Spielwitz die Drahtzieherin Mrs Meg Page. Prägnant in kleinen Partien: Kevin Conners (Dr. Cajus), Jonas Hacker (Bardolfo) und Daniel Noyola (Pistola). Galeano Salas war als Fenton mit Deanna Breiwick als Nanetta ein entzückendes junges Liebespaar. Ihm schenkt Verdi anders als den anderen ehrliche, unverstellt schwebende Musik.

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