Neues Gedenkbuch Tod aus vielerlei Gründen

Die Recherche selbst, sagt Cranach, "war kompliziert". Das gilt weniger für die erste Phase der Euthanasiemorde, die Anfang 1940 begann. Unter der Tarnbezeichnung "T 4" bezog der bürokratische Apparat der Krankentötungsmaschinerie eine Villa in der Berliner Tiergartenstraße 4. Die dortigen Schreibtischtäter ließen insgesamt sechs im Reich verteilte Vernichtungsanstalten errichten, in denen die Patienten vergast wurden. Über Leben und Tod entschied anhand von Meldebögen ein Gutachterteam, dem auch Hermann Pfannmüller (1886-1961) angehörte, der Direktor der Anstalt Eglfing-Haar.

Die erste T4-Aktion im Deutschen Reich - zuvor waren schon psychisch Kranke in Polen ermordet worden - fand am 18. Januar 1940 statt: Ein Bus brachte 25 männliche Patienten von Eglfing-Haar in die Tötungsanstalt Grafeneck, wo sie noch am selben Tag mit Gas umgebracht wurden. Nach bisherigem Kenntnisstand sind 1014 Münchner in den Gaskammern der "Aktion T4" ermordet worden. Diese Phase endete im August 1941.

Euthanasie Die Euthanasie-Verbrechen von Haar
Nationalsozialismus

Die Euthanasie-Verbrechen von Haar

Die Patienten seien abgemagert gewesen wie KZ-Häftlinge, berichtet ein Augenzeuge. Neue Recherchen zeigen auch, dass deutlich mehr Menschen in der Heil- und Pflegeanstalt getötet wurden als bislang bekannt.   Von Bernhard Lohr

Cranach nennt dafür drei Gründe: Zum einen gab es Unruhe in der Bevölkerung, mutige Menschen beschwerten sich. Auch in der Kirche wurden vereinzelt kritische Stimmen laut, vor allem die Protestpredigt des Bischofs von Münster, Clemens August Graf von Galen, zeitigte Wirkung. Und schließlich, so Cranach, hatten die Nazis ein weitaus umfangreicheres Tötungsprogramm auf der Tagesordnung: die Ermordung der jüdischen Bevölkerung, für welche die Euthanasie eine Art Probelauf gewesen sei.

Waren die Namen der T4-Opfer anhand überlieferter Listen noch relativ leicht zu ermitteln, so gestaltete sich die Identifizierung der in der folgenden Phase Ermordeten erheblich schwieriger. Vom Sommer 1941 bis Kriegsende wurden die Patienten in den Anstalten selbst, sozusagen dezentral, getötet. Für Cranachs Recherchen bedeutete dies: Alle Krankengeschichten der Patienten, die zur fraglichen Zeit in Eglfing-Haar gestorben sind, zu durchforsten und herauszufinden, ob ihr Tod natürliche Ursachen hatte oder ob es Mord war. Welcher Geist damals in der Anstalt herrschte, zeigt ein Zitat des Direktors Pfannmüller: "Ich erachte es an dieser Stelle für angebracht, einmal offen und in aller Deutlichkeit auf die Notwendigkeit hinzuweisen, dass wir Ärzte hinsichtlich ärztlicher Betreuung lebensunwerten Lebens auch die letzte Konsequenz im Sinne der Ausmerze ziehen."

Die Ärzte praktizierten diverse Tötungsmethoden: "Das Spektrum reicht von der gezielten medizinischen und pflegerischen Vernachlässigung einzelner Patienten, über den systematischen Nahrungsmittelentzug (Verhungernlassen) bis hin zur Tötung durch überdosierte Medikamentenabgabe." In der Krankenakte, so Cranachs Erfahrung, war in solchen Fällen wenig verzeichnet, oder es fanden sich nichtfachliche, verächtliche Beurteilungen: "Völlig verblödet. Unsauber. Unrein. Seit über 6 Jahren zu keiner Beschäftigung zu bringen. Asozial. Lebensunwert." Und am Ende dann: "Exitus, Bronchopneumonie". Für die Forscher ein untrügliches Zeichen: Das war ein "Euthanasiepatient".

Die tatsächliche Todesursache sollte niemand erfahren, schon gar nicht die Angehörigen. Wie zynisch man vorging, zeigt ein Brief, den die Familie eines bei der "Aktion T4" ermordeten Münchners mitsamt einer gefälschten Sterbeurkunde erhielt. Der Patient, logen die Verfasser, sei an plötzlich aufgetretener "Lungenentzündung" gestorben. Dann der unverfrorene Satz: "Wir bitten Sie, in dem Gedanken Trost zu finden, dass Ihr Sohn, wenngleich er auch jung aus dem Leben geschieden ist, von einem schweren und unheilbaren Leiden erlöst wurde, das ihn nur zeitlebens an die Anstalt gefesselt hätte."

Gedenkbuch für die Münchner Opfer der nationalsozialistischen 'Euthanasie'-Morde. Herausgegeben vom NS-Dokumentationszentrum und dem Bezirk Oberbayern durch Michael von Cranach, Annette Eberle, Gerrit Hohendorf und Sibylle von Tiedemann. Wallstein Verlag. 432 Seiten, 24,90 Euro.