House-Open-AirSupermodel Naomi Campbell legt als DJ in München auf

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Einfach mal fragen – so haben die Veranstalter Naomi Campbell (hier ergriffen bei der Verleihung des französischen Ritterordens vergangenen September) für ihre Riesenparty gewonnen.
Einfach mal fragen – so haben die Veranstalter Naomi Campbell (hier ergriffen bei der Verleihung des französischen Ritterordens vergangenen September) für ihre Riesenparty gewonnen. (Foto: ANNE-CHRISTINE POUJOULAT/AFP)

Vom Laufsteg in die DJ-Bude: Warum sich das 55-jährige Topmodel beim House-Open-Air an der Paketposthalle erstmals vor tausenden Tänzern an die Regler wagt.

Von Michael Zirnstein

Erste Frage: Wie könnte das aussehen, wenn das Supermodel Naomi Campbell erstmals hinter dem Plattenspieler groß in Erscheinung tritt, sozusagen „from Catwalk to DJ-Booth“, wie das Event überschrieben ist, also „vom Laufsteg in die DJ-Bude“? Vielleicht trägt sie ein großkariertes gelbgraues Kostüm von Vivienne Westwood zu langen glatten Haaren, hopst dezent in Pumps zum Pumpen der Ethno-satten House-Beats von, sagen wir mal, „Hijos de la Guerra“ (Manybeat)  oder „Faaaja“ (DahzY), hebt auch mal unter „Yeah“-Rufen der dicht um sie herum gedrängten Tanzenden den freien Arm, während sie mit dem anderen an Drehknöpfen schraubt, was wiederum eine fremde, sich herein schiebende Hand rasch wieder zurückzuregeln versucht …

So sieht das zumindest auf Videos von ihrem Auftritt vor vier Monaten im Silencio Club aus, einem Nachtlokal übrigens, das der Psycho-Thriller-Meister David Lynch 2011 nach seinen obskuren Vorstellungen gestaltet hat. Naomi Campbell hat hier im Umfeld der Pariser Modewoche für das Kultur- und Modemagazin I-D aufgelegt, ein „Privileg“, über das sie auf Instagram schrieb: „Ich habe immer schon für Freunde privat Musik gespielt und gedeejayt, hinter verschlossenen Türen. Aber das war mein erstes Mal in der Öffentlichkeit.“

Diese einblickreiche DJ-Premiere vom März muss man also modelmäßig ein wenig kaschieren, wenn es nun beim „YE Legends“-Open-Air im Münchner Pinapple Park heißt, Naomi Campbell  –„Supermodel, Unternehmerin, Aktivistin und globale Ikone“ – feiere hier ihr „weltweit erstes öffentliches DJ-Debüt“. Das stimmt dann schon zumindest unter dem Aspekt: Hier feiert sich nicht der geladene innere Fashion-Zirkel, sondern jeder, der sich je nach VIP-Bereich (Milano, Paris, London oder Munich) Tickets von 49 bis  299 Euro (inklusive Backstage-Zugang) leisten mag. Wobei es auch hier heißt: „Die Plätze sind streng limitiert!“ Aber keine Sorge, auf Nachfrage erklärt der Veranstalter, die Münchner Event-Agentur YE, man peile doch eine größere Menge von 5000 bis 10 000 Gästen auf der Fläche vor der ehemaligen Paketposthalle an.

Das führt zu weiteren Fragen: Wie konnten YE die britische Jetsetterin überhaupt dafür gewinnen, statt wie – bei Instagram zu sehen – auf Yachten, Laufstegen und Redepulten von Mailand, New York, Cannes, Shanghai oder Usbekistan im exklusiven Umfeld zu posieren, sich in München als DJ-Novizin in Ausbildung vor solche Massen zu wagen? „Wir dachten auch, es wäre unmöglich“, sagt die Kunst-Lehramtsstudentin Elisabeth Schmidt alias Elisaveta, die zusammen mit ihrem Freund Youness YE gegründet hat. Als sie in Tiktok-Videos Campbell auf einer Privatparty von Tag Heuer auflegen sahen, hätten sie sofort gewusst: „Das passt perfekt zu uns!“

Unter dem Motto House-trifft-Kunst-und-Fashion hatte das Paar, beide Anfang 20, schon Events etwa für 2500 Gäste auf der Feste Kufstein oder für 3000 am Steinsee veranstaltet – und da würden sich die Gäste „auch gerne sehr gut kleiden und zeigen“, und Kultur, Mode und Kreativität, das sei für sie ohnehin eins, sagt Elisaveta.  „Wir haben es dann einfach ausprobiert.“ Sie schrieben das Model-Management an und bekamen „über 20 Ecken Kontakt“ zu Campbells direktem Umfeld: „So etwas entscheidet Naomi immer für sich selbst“, weiß die Veranstalterin jetzt.

Platz für eine Model-Ikone und bis zu 10 000 Gäste bietet die Fläche vor der Paketposthalle, die derzeit als Pineapple Park für Sport, Märkte und Kultur zwischengenutzt wird.
Platz für eine Model-Ikone und bis zu 10 000 Gäste bietet die Fläche vor der Paketposthalle, die derzeit als Pineapple Park für Sport, Märkte und Kultur zwischengenutzt wird. (Foto: Stephan Rumpf)

Offenbar haben sie die 55-Jährige mit ihrer Anfrage genau an der richtigen Stelle umgarnt. Der hocheleganten Campbell war das Modeln ja nie genug, obwohl sie mit 15 in London entdeckt wurde, mit 17 schon im Pirelli-Kalender zu sehen war und mit 18 als erstes dunkelhäutiges Model auf dem Cover der französischen Elle eine Ära der Super-Mannequins vom neuen Stil mitgeprägt hat.

Die Tochter einer jamaikanischen Balletttänzerin hatte immer schon eine Nähe zu den Künsten: Als Achtjährige war sie im „Is This Love?“-Video von Bob Marley zu sehen (und später in Videos von George Michael, Michael Jackson, Jay-Z und anderen), sie sang selbst eine CD ein („Baby Women“) und landete in Japan eine Nummer eins mit dem „La La La Love Song“ zusammen mit Kubota Toshinobu, hatte in Filmen und Serien kleinere Auftritte (etwa als Käseverkäuferin in „The Night We Never Met“) und sogar Hauptrollen („Invasion Of Privacy“). Aktuell singt und post sie zusammen mit Pop-Superstar Miley Cirus in der Single „Every Girl You’ve Ever Met“, was der Sängerin vor allem Begeisterungsstürme über Naomis Aussehen entlockte: „Sie sieht besser aus als jeder Mensch, den ich je face to face gesehen habe. Sie ist mehr als eine Schönheit, sie ist von einem anderen Planeten.“

Kulturnah: Im April trat Naomi Campbell im Konzert von Usher in London auf.
Kulturnah: Im April trat Naomi Campbell im Konzert von Usher in London auf. (Foto: Gareth Cattermole/Getty Images F)

Schmeichelei zieht.  Jedenfalls habe sie sich „sehr gefreut“, sagt Elisaveta, die Angefragte habe „gar nicht damit gerechnet“, sagt sie. Das klingt recht bescheiden für ein Supermodel, das zuletzt erneut als Jurorin in der Castingshow „Germany’s Next Top Model“ an der Seite von Heidi Klum richtete. Da würde man gerne wissen, wie sie privat so ist. Immerhin hat Campbell anscheinend auch einen problematischen Anteil in ihrer Persönlichkeit. Den YE-Chefs jedenfalls erschien sie „ganz entspannt“ und die „Zusammenarbeit sehr angenehm“, wenngleich man schon einmal ein paar Tage auf Antwort warten musste, wenn es etwa um die Werbegrafik mit ihrem Konterfei ging.

Naomi Campbell ist eben viel beschäftigt in aller Welt. Da geht schon mal etwas unter im Trubel, was auch zu dem einen oder anderen Skandal führte. Man erinnere sich an die Erinnerungslücken bei ihrer Aussage zu einem Blutdiamanten-Geschenk des Herrschers von Sierra Leone vor dem Sondergerichtshof in Den Haag 2010. Oder an den „Spendenbetrug“ 2024: Nachdem ihre Organisation Fashion For Relief laut einem Bericht der britischen Untersuchungsbehörde 4,6 Millionen Euro Pfund von rund 4,8 Millionen Pfund vereinnahmten Spendengeldern für Auslagen, darunter persönliche Erleichterungen in einem Luxushotel in Cannes, verwendet hatte, untersagte ihr die britische Charity-Behörde 2024 fünf Jahre lang, eine Wohltätigkeitsorganisation zu leiten. Campbell hatte dazu mitgeteilt, sich an finanziellem Fehlverhalten nicht beteiligt zu haben. Weder habe sie Spendengelder verschwendet noch sich persönlich bereichert. Die Leistungen für das Event in Cannes seien über ein Reisebüro gebucht und Fashion for Relief nur zum Teil in Rechnung gestellt worden; dies habe sie weder angewiesen noch sei sie konsultiert worden. Angesichts der Lage und Sicherheitsvorkehrungen seien die Kosten vergleichsweise angemessen, zumal sie ihre Teilnahme der Organisation nicht in Rechnung gestellt habe. Den Vorwurf der Verschwendung auszuräumen, sei nur deshalb nicht gelungen, weil das zuständige Team keine Belege habe vorlegen können. Ganz in Ungnade ist sie nicht gefallen: Zur selben Zeit verlieh ihr das französische Kulturministerium den Ritterorden der Künste und der Literatur.

Keine Scheu vor Massenaufläufen: Naomi Campbell zusammen mit Edward Enninful beim CSD im Juli 2025 in London.
Keine Scheu vor Massenaufläufen: Naomi Campbell zusammen mit Edward Enninful beim CSD im Juli 2025 in London. (Foto: Ben Montgomery/Getty Images)

Und um die Kunst soll es ja nun gehen: Zunächst war Samstag, 26. Juli, geplant, der Termin ist wegen des erwarteten Regens aber nun verschoben worden auf einen unbestimmten Termin an einen wetterfesten Ort. Denn für das Ende des Open-Air-Auftritts von Campbell war eine dicke, aber nicht wasserfeste Show-Überraschung geplant. Vermutlich im August und an anderer Stelle darf DJ Naomi dann also zum Finale eines langen Tages-Raves um 20.30 Uhr 90 Minuten auflegen. Davor stehen von 12 Uhr an internationale Stars wie Raul Vidal, Luch und Ikerfox sowie der YE-Stamm-DJ Aymen Rhalib an den Reglern.

Wie diese darf auch Naomi Campbell „auflegen, was sie mag“, verspricht Elisaveta. Das Model wird alles daran setzen, dass ihr House-Set ankommt: Schon im Pariser Silencio Club hatte sie mit dem österreichischen Musiker und DJ Wolfram Amadeus (der schon mit Pamela Anderson gearbeitet hat) einen Fachmann zur Seite, und sie dankte auch explizit DJ Charles Prince, den sie als ihren „Trainer“ bezeichnet. Sie meint es offenbar ernst mit dem Auflegen, denn sie schreibt: „Musik ist wahrlich der größte Heiler.“

Naomi Campbell beim „YE Legends Festival“, auf einen unbestimmten Termin verschoben (ursprünglich 26. Juli), Karten behalten ihre Gültigkeit, Tickets +49 1607 249752  oder reservation@ye-munich.coms

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