Nahverkehr Bahn will Münchner S-Bahnen umgestalten

Bis 2020 will die Deutsche Bahn die S-Bahn-Wagen in München umrüsten: Es gibt dann weniger Sitzplätze und mehr Stauraum - mehr Passagiere könnten fahren.

(Foto: Deutsche Bahn)
  • Bis die zweite Stammstrecke den öffentlichen Nahverkehr in München entlasten kann, vergehen noch fast zehn Jahre.
  • So lange muss die Deutsche Bahn improvisieren. Ein Schritt dazu ist es, die S-Bahn-Wagen umzugestalten.
  • Mit weniger Sitzplätzen, besserem Licht und Eckbänken will die Bahn mehr Fahrgäste transportieren.
Von Andreas Schubert

Die Münchner S-Bahn-Züge werden modernisiert. Dazu hat sich die Bayerische Eisenbahngesellschaft (BEG) entschieden und die Pläne am Donnerstag vorgestellt. Ziel ist es nicht nur, dass sich die Fahrgäste in neuem und modernerem Interieur wohler fühlen. Es geht vor allem darum, auf die ständig wachsenden Passagierzahlen zu reagieren, den Fahrgastwechsel und damit den Betrieb zu beschleunigen, nach dem oftmals formulierten Motto "jede Sekunde zählt". Dazu sollen die Sitze in den Waggons anders angeordnet und die Durchgänge breiter werden. Die Renovierung der Züge wird in den kommenden drei Jahren stattfinden.

Johann Niggl, Sprecher der BEG-Geschäftsführung, wies darauf hin, dass die zweite Stammstrecke erst in neun Jahren in Betrieb gehe und dann erst mehr S-Bahnen durch die Stadt fahren könnten - 1250 statt bisher 950. Diese Zeit müsse man überbrücken. Erst ab Mitte der 2020er Jahre werden die derzeit 238 Züge vom Typ ET 423 nach und nach komplett ausgetauscht.

Süddeutsche Zeitung München Wohin mit zwei Millionen Tonnen Erde?
Zweite Stammstrecke

Wohin mit zwei Millionen Tonnen Erde?

Die meisten Arbeiten für den neuen S-Bahn-Tunnel finden tief im Boden statt. Doch auch an der Oberfläche werden die Münchner die Auswirkungen deutlich spüren.   Von Andreas Schubert

Außer neuen Sitzen bekommen die S-Bahnen auch eine neue Beleuchtung und neue Böden und neue Möglichkeiten sich festzuhalten. Gleichzeitig wird die Zahl der Sitzplätze pro Fahrzeug von 192 auf 166 reduziert. Die Sitze werden zudem künftig "schwebend" angebracht, um zusätzlichen Stauraum für Gepäck zu schaffen. Die Idee dahinter: Wenn keine Koffer und Taschen auf den Sitzen stehen, gibt es automatisch mehr freie Plätze. Wenn sie nicht im Durchgang stehen, werden keine Aus- und Einsteiger blockiert.

Auf großen Monitoren sollen die Fahrgäste zudem künftig in Echtzeit über den Fahrtverlauf der Züge sowie über Umsteigemöglichkeiten, Störungen und Fahrplanänderungen informiert werden. Denn mangelnde Information sei bislang eines der größten Mankos, wie S-Bahn-Chef Heiko Büttner erklärte. Mit dem neuen Lichtkonzept und der besseren Übersichtlichkeit werde zudem das Sicherheitsgefühl der Fahrgäste erhöht. Büttner sagt, die Erhöhung der Kapazität in den Zügen sei unbedingt notwendig. "Sonst werden Fahrgäste spätestens ab 2020 am Bahnsteig stehen bleiben müssen."

Geplant sind überdies auch umgestaltete Mehrzweckbereiche an den Enden der Fahrzeuge, mit deutlich gekennzeichneten Zonen, etwa um Konflikte zwischen Radfahrern, Rollstuhlfahrern und anderen Fahrgästen zu verhindern. Zudem wird es hinter den Führerständen Familien- und Gruppenbereiche geben, in denen die Sitze als Eckbank angeordnet sind. So sollen auch größere Gruppen beieinander sitzen können. "Kuschelecken", nennt das BEG-Geschäftsführer Thomas Prechtl. Von außen bleiben die Züge unverändert, den ersten "Musterzug" will die Bahn im nächsten Frühjahr vorstellen.

Die Bahn investiert nicht umsonst. Von Januar 2018 an soll dem heutigen S-Bahn-Vertrag, der im Dezember 2017 endet, ein zweijähriger Übergangsvertrag mit der DB folgen. In diesem Vertrag sind Taktverdichtungen vorgesehen: Ein durchgehender 20-Minuten-Takt am frühen Nachmittag auf den Außenästen, etwa nach Erding, Tutzing, Petershausen und Mammendorf; eine Frühfahrt um 2.25 Uhr von Pasing zum Flughafen; zwei zusätzliche Fahrten zwischen Erding und Markt Schwaben am Abend. Eine nachmittägliche Pendelfahrt zwischen Dachau und Altomünster gibt es künftig auch in den Schulferien.

Ebenso sind im Übergangsvertrag die Beseitigung der Taktlücken der S7 nach Wolfratshausen am frühen Nachmittag festgeschrieben. Und: Die Bahn wird 21 gebrauchte alte Züge vom Typ ET 420 kaufen, die auch für die Stammstrecke technisch ertüchtigt werden und in den Außenästen die aktuellen ET-423-Züge teils ersetzen sollen. Damit hat die Bahn neue Kapazitäten um in der Stammstrecke mehr Langzüge anbieten zu können. Die fünfzehn ET 420 der Bestandsflotte bleiben auf der S20 und auf der Strecke nach Altomünster im Einsatz.

Von Dezember 2019 an will die BEG in einem "1. Münchner S-Bahn-Vertrag" die gesamten Verkehrsleistungen für zwölf Jahre vergeben. Die Bahn gilt hier als gesetzt, auch wenn sich laut BEG rein theoretisch auch andere Verkehrsunternehmen bewerben könnten. Anfang der 2030er-Jahre, wenn die zweite Stammstrecke fertig ist und die heutige Fahrzeugflotte durch Neufahrzeuge ersetzt, will die BEG die Verkehrsleistungen in einem zweiten Münchner S-Bahn-Vertrag vergeben und strebt dabei eine Aufteilung des Netzes in mehrere Lose an. Das heißt, dass einzelne Streckenabschnitte auch an andere Bewerber vergeben werden können.

Vom 5. April an wird neun Jahre lang an der zweiten Stammstrecke durch München gebaut. Warum dauert es so lang? Und wie verändert sich die Stadt? Lesen Sie dazu: