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Nahverkehr München:S-Bahn leitet neuen Evolutionssprung ein

Neue Zentralöffnung der Türen bei der Münchner S-Bahn, 2016

Für mehr Pünktlichkeit soll die Maßnahme sorgen, die S-Bahn-Türen in Zukunft zentral vom Fahrer öffnen zu lassen - in Wirklichkeit geht es aber um viel tiefgreifendere Fragen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Auf der Stammstrecke kann der Münchner nicht mehr drücken, damit sich die S-Bahn-Tür öffnet. Droht uns nun langfristig der Verlust des Zeigefingers?

Kolumne von Martin Bernstein

Die menschliche Evolution wird vom technischen Fortschritt bestimmt. Sagen Wissenschaftler. Ohne Feuer und Werkzeuge und damit die Möglichkeit, Nahrung irgendwie weichzukriegen, sähen wir noch aus wie unser ferner Urahn Paranthropus robustus.

Dessen gewaltige Kaumuskeln sind in den vergangenen zwei Millionen Jahren deutlich geschrumpft. Damit war dann (zumindest theoretisch) mehr Platz für Hirn - und für immer neue Erfindungen. Den Kaiserschnitt zum Beispiel. Denn nur so ist sichergestellt, dass die immer größeren Denkerköpfe regelmäßig heil das Licht der Welt erblicken.

Warum wir das hier aufschreiben? Weil möglicherweise die Münchner S-Bahn einen neuen Evolutionssprung eingeleitet hat. Auf der Stammstrecke muss seit Sonntag niemand mehr drücken, wenn er aussteigen will. Der Lokführer, und nur der, öffnet alle Türen. Was das evolutionstechnisch bedeutet, kann man nur ahnen.

Das Ende des Drückens - bedeutet es längerfristig den Verlust des rechten Zeigefingers? Und was macht der Münchner Zweig der Menschheit mit den 20 laut Bahn dadurch täglich gewonnenen Minuten? Welche evolutionsrelevanten Erfindungen werden wir uns in dieser Zeit ausdenken?

Vielleicht etwas, was dem Zeigefingerschrumpfen entgegensteuert. Die Konkurrenz von der Münchner Verkehrsgesellschaft hat in diese Richtung schon mal weitergedacht. In den neuen U-Bahnen darf nämlich munter weitergedrückt werden. Künftig sogar immerzu, auch während der Fahrt. Die Tür merkt sich das und geht am nächsten Bahnhof auf.

Und wem das noch zu wenig Fingertraining ist, der sollte es in diesem Winter einmal mit einem dieser tollen angeblich handytauglichen Handschuhe versuchen. Die mit der Spezialbeschichtung am rechten Zeigefinger. Du drückst. Und drückst. Und drückst. So geht Evolution!

© SZ vom 12.12.2016/bhi

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