Süddeutsche Zeitung

Nackt-Kunst-Aktion von Spencer Tunick:"Für mich sind alle Körper schön"

Er stellt nackte Menschen auf einen Gletscher, in den Hafen von Lyon oder vor die Wiener Kunsthalle und fotografiert sie. Nun plant der Künstler Spencer Tunick eine spektakuläre Aktion vor der Münchner Staatsoper. Ein Gespräch.

Seit Anfang der neunziger Jahre zieht Spencer Tunick Menschen aus, um sie dann zu fotografieren. Was in den Straßen von New York begann, entwickelte sich schnell zu internationalen Großereignissen mit bis zu 18.000 Mitwirkenden. Der Fotograf begreift seine Arbeiten als Skulpturen, mitunter haben sie einen sehr konkreten Hintergrund: Einmal stellte er 600 Nackte auf den Aletschgletscher, um vor der Erderwärmung zu warnen, dann wieder ließ er 1200 Menschen auf die Gefahr des Austrocknens des Toten Meeres hinweisen. Am Wochenende 23. und 24 Juni will er, inspiriert von Andreas Kriegenburgs "Ring"-Inszenierung an der Bayerischen Staatsoper, die Straßen und Plätze rund um das Nationaltheater mit nackten Menschen bevölkern. Wer mitmachen will, kann sich auf der Homepage der Staatsoper eintragen: www.staatsoper.de/Tunick.

Mögen Sie keine angezogenen Leute?

Doch, doch, aber ich bin ein bisschen weniger schüchtern, wenn die Menschen vor mir nackt sind. Die Verwundbarkeit von nackten Menschen im öffentlichen Raum führt dazu, dass ich mit ihnen besser arbeiten kann, wenn ich meine physischen Landschaften herstellen will.

Stehen diese eigentlich für sich oder dienen sie vor allem der Herstellung Ihrer Fotografien?

Ich mache die Installationen für die Fotografien. Definitiv. Natürlich sind sie auch eine Performance oder haben Elemente einer Performance, doch im Endresultat zielen die physischen Objekte auf die Fotografien. Oder die Videos.

Sind die nackten Körper also nur ein Werkzeug für Sie?

Ja. Oder besser gesagt: ein Medium. Ein Medium, um meine Freuden, meine Gemütszustände auszudrücken.

Haben daneben die meisten Ihrer Arbeiten nicht einen politischen Hintergrund wie etwa im Wiener Fußballstadion, als Sie - so die Wahrnehmung in Teilen der Presse - auf die Deportation der Juden durch die Nazis verwiesen?

Eigentlich versuchte ich in Wien, mich von der Politik fern zu halten und einfach nur mit den Körpern zu arbeiten im Sinne einer freudvollen Menschheit. In den Kommentaren dazu wurde die Arbeit auf einmal politisch. Ich selbst will meine Arbeiten aber nicht kommentieren - wenn ich etwas erklären soll, fühle ich mich wie ein Fisch außerhalb des Wassers. Natürlich bin ich mir der Geschichte bestimmter Orte bewusst. Das heißt aber nicht, dass ich sie mit meinen Explosionen des Lebens betone.

Aber Sie sind sich dessen bewusst, dass man Ihre Arbeiten auch ganz anders wahrnehmen kann?

Ja klar. Vielleicht tanze ich mit meinen sozialen Skulpturen auch ein bisschen um die Politik herum. Es gibt so viele Aspekte, die man mit nackten Körpern in Verbindung bringen kann, darunter Proteste gegen alles Mögliche. Aber dem gegenüber steht eine Utopie und eine echte, reine Freude. Ich will dem nackten Körper eine neue Repräsentativität verleihen.

Suchen Sie nach einer Art Paradies?

Ja, vielleicht schon, wenn das Respekt vor dem Körper bedeutet. Und vor dem Individuum in meiner Skulptur.

Ist es schwierig, Teilnehmer zu finden?

In Düsseldorf vor sechs Jahren (seine erste große Arbeit in Deutschland, Anm. d. Red.) fand ich es sehr schwierig. Ich bin aber zuversichtlich, dass es in München leichter werden wird, Menschen zu finden, die mit Enthusiasmus daran teilnehmen wollen. Ich will ja keine Nudisten haben, sondern Menschen, die sich für meine Arbeit und das Ergebnis interessieren, das ich herzustellen versuche.

Wie viele Teilnehmer brauchen Sie für Ihr Münchner Vorhaben?

Mindestens 1000. Ähnlich wie in Düsseldorf. Nur kamen damals nicht so viele.

Und die stellen Sie dann nackt vor die Oper?

Um die Oper herum und in die umgebenden Straßen.

Und warum?

Nun, für einen lebenden Künstler gibt es heutzutage viele Einladungen. Zu einer Biennale, zu einer Ausstellung, in ein Museum. Ich erhielt also eine Einladung, mit meiner Arbeit Wagners "Ring" zu interpretieren. Was natürlich eine großartige Herausforderung ist. Also mache ich es.

"Ich bin sehr flexibel mit meiner Idee von Schönheit"

Worin genau besteht Ihre Interpretation des "Rings", wenn nackte Menschen um die Oper auf der Straße stehen?

Es ist dasselbe wie die Neuinterpretation des Werks hier am Haus, wie Andreas Kriegenburg die Geschichte mit vielen Individuen erzählt. So weit ich seine Arbeit gesehen habe, geht es gut zusammen.

Opernintendant Nikolaus Bachler hatte also die Idee, schickte Ihnen Videomaterial, und Sie sagten zu?

Ja. Ich habe den "Ring" schon einmal gesehen, es kam nicht aus heiterem Himmel für mich. Der Rest war Arbeit: die Beschäftigung mit Kriegenburgs Fassung.

Ist es für Sie neu, die Arbeit eines Künstlers in Ihrer eigenen hineinzuinterpretieren?

Nein, ich habe ein paar Arbeiten für das Museum The Lowry in Manchester gemacht, in denen ich deren Arbeiten mit einer Sicht auf sie verbinden sollte.

Wurden Ihnen eigentlich jemals vorgeworfen, Ihr Umgang mit Massen sei faschistoid?

Ich wurde schon alles mögliche genannt und habe in allen Ländern Menschen gegen mich aufgebracht, aus verschiedenen Gründen, auch wenn die, die meine Arbeit nicht akzeptieren, eine Minderheit darstellen. Viele verstehen die Vorstellung, wie schön eine Masse von nackten Körpern sein kann.

Auch wenn Sie nicht unbedingt schöne Körper auswählen.

Ich halte sie alle für schön, zumindest aus einer gewissen Entfernung. Ich finde, jeder hat eine gewisse, Form, eine gewisse Kontur. Ich bin sehr flexibel mit meiner Idee von Schönheit.

Was manche Menschen nicht unbedingt teilen: Sie wurden ein paar Mal verhaftet wegen Ihrer Arbeiten.

Ja, ich war im Gefängnis. In den USA. Es ist sehr schwierig, wenn man nach langer Vorbereitungsarbeit an einer Installation von dieser ferngehalten wird durch Behörden, die nicht realisieren, dass die Gesetze die Kunst beschützen. Es war in New York, ich bewegte mich innerhalb der Gesetze, mir wurden Genehmigungen verweigert, ich wurde dennoch verhaftet, es kam zu einem Prozess, den ich gewann, es ging weiter bis vor das höchste Gericht. Das führte zu dem schönen Bild, dass der ganze Supreme Court während der Verhandlung gepflastert war mit Fotografien nackter Körper. Und schließlich bekam ich dort Recht, die Stadt New York verlor.

Lernten Sie etwas daraus?

Ja, dass ich nicht aufhören werde, kleine, individuelle, intime Arbeiten neben den großen öffentlichen zu machen. Wenn ich wieder einmal mit einer meiner großen Arbeiten Probleme kriege, gehe ich nach Hause und arbeite für mich.

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SZ vom 08.05.2012/tob
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