Nachtleben II Happy Geisterstunde

Prügelnde Türsteher und ein ungekünstelter MTV-Moderator: Auf der Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit in der Kultfabrik.

Von Von Jochen Temsch

(SZ vom 18.9.2003)— Strahlend ist die Fassade, orange und hell das Tor zur Kultfabrik. Ein paar Schritte weiter wird es finster. Es gibt ein klatschendes Geräusch, so laut, dass man es bis zum Eingang hört. Eine Gruppe junger Männer springt schreiend auseinander, in ihrer Mitte liegt einer am Boden und hält sich das Gesicht.

Der Alkohol, der Schmerz, die Schmach

Er hat vom Türsteher des Stars eine Ohrfeige bekommen, weil er nach ihm gespuckt hat. Weil er ausgerastet ist wegen der Warterei, der Musterung, wegen der Herablassung in Gegenwart seiner Freundin. Die Augen des Geschlagenen glänzen sogar in der Nacht. Wegen des Alkohols, des Schmerzes, der Schmach.

Der Junge steht auf, schleicht sich im Schatten des Parkplatzes davon, gestützt auf seine Freundin. Die Türsteher feixen, rücken die Absperrgitter zurecht. In einem Blumenkübel kauert ein Mädchen und übergibt sich, den Kopf zwischen ihren Händen. Die Schlange rückt weiter vor.

Definiert man einen guten Club wertfrei als einen Ort, an dem eine homogene Gruppe - nicht ein wahllos zusammengewürfelter Haufen - ihren Lieblingssound hört und auf ihre jeweils eigene Weise feiert, kann man auf dem Gelände der Kultfabrik für eine Nacht theoretisch genauso ein Dach über dem Kopf finden wie in den benachbarten Optimolwerken. Die Frage ist nur, wo man sich zugehörig fühlen mag. Wenn überhaupt. Und wie man seine Richtung findet.

Im alten Kunstpark spülte einen irgendwie immer die Menge mit. Die war umländlich aufgesträußt wie für die Bauerndisko, leger schick auf dem Weg in die Milchbar, lederknarzend schwarz gekleidet und auch mal krankenblass geschminkt, wenn sie zum Beispiel vom Sisters of Mercy-Konzert im Colosseum in den Club Keller stiefelte.

So melancholisch wie ein Kaufhaus nach Ladenschluss

Die Menge war laut, unüberschaubar, unter der Woche interessant, dicht, gut drauf, aggressiv, brünstig, proletenhaft, schrecklich, oberflächlich, ab und zu szenig, abstoßend - aber meistens war sie irgendwas, je nach Tag und Großveranstaltung, die hinterher die Atmosphäre prägte. Und jetzt ist sie plötzlich weg, was die Kultfabrik so melancholisch macht wie ein Kaufhaus nach Ladenschluss. Natürlich, die Anlaufschwierigkeiten. Der Kunstpark musste auch erst einmal groß werden.

Es gibt an diesem Samstag keine Menschen, von denen man sich mitziehen lassen wollte. Stattdessen zeigen Straßenschilder den Weg. Die Hauptpiste, die früher jeder nur ballermannesk Schinkenstraße nannte, heißt jetzt nach einer amerikanischen Brause. Und alle, die schon den Kunstpark für seine kommerzielle Ausrichtung verachtet haben, kehren an dieser Wegscheide um, fahren in die Stadt, ins Atomic Café oder die Erste Liga, übernachten im Garden Club oder dem Funky Kitchen. Die Clubszene der Stadt ist mannigfaltig wie nie zuvor.

In der Kultfabrik gehen jetzt die meisten in Richtung Russendisko. Vorbei an den Clubs, wo - säuberlich - gereiht die Türen aufklaffen. Da ist auch der geschrumpfte Natraj Temple, die verrammelte alte Milchbar. Vorbei an unterforderten Türstehern, die Zeit haben, SMS-Botschaften zu tippen. Ins Kalinka, das die Party schon halb auf die Terrasse verlagert hat, weil es drinnen dermaßen voll ist. Vor den bewachten Stufen, die zum grandiosen roten, von Pseudoflammen beleuchteten Einlass führen, scheitern zwei unrasierte Männer in Trainingshosen aus Ballonseide.

Billigsauf-Kampfpreise

Man muss irgendwo rein, draußen macht die Nacht keinen Sinn. Im Americanos tanzen die Bedienungen in bauchfreien Tops auf der Theke. Im Willenlos tun sie das auch. Dazu gibt es Cocktails und Feiersound von den siebziger Jahren bis heute. Auffällig viele Schilder stehen vor den Clubs, die Happy Hours anbieten - 3,50 Euro, die ganze Nacht lang.

Billigsauf-Kampfpreise gegen die harte Konkurrenz, das hatte früher keiner nötig. Dafür ist das Essen in der Nachtkantine gut geblieben, die Bedienungen sind freundlich, trotz Stress. Am Tresen entblößen drei Mädchen nebeneinander ihre verschnörkelten Steißbein-Tattoos. "Schau, die Arschgeweihe!", sagt einer von zwei Jungen am Nebentisch über sein Weißbierglas zum anderen.

Was die Wirte in dieser Nacht über die Kultfabrik sagen, ist unterschiedlich. Die Mieten seien in Ordnung, sogar günstiger als vorher, und der Herbst und die Großdisko MGM und das ehemalige Colosseum füllten das Gelände dann schon - heißt es von den einen. Die Mieten seien zu hoch, das Know-How der Geschäftsführer zu klein, schimpfen die anderen. Einer sagt: "Vom Gefühl her müsste alles bald kaputt gehen." Ein anderer findet: "Es gibt nur noch Manager. Kein Herz mehr und keinen Geist."

Der Aufpasser trinkt nur Kaffee und Wasser

Aber einer geht hier die ganze Nacht lang um, und das ist Wolfgang Nöth. Jeder trifft ihn irgendwann, in der Kultfabrik oder auf seinem Optimolgelände. Nöth trinkt nur Kaffee und Leitungswasser, ist immer klar und aufmerksam. Einer verpasst ihn trotzdem: ein Junge, der aus dem Medusa gelaufen kommt. Dort sind die Garderobenmarken ausgegangen. Nöth soll helfen - der Gott auch der kleinsten Dinge.

Der Junge heißt Daniel, wird in dieser Nacht gerade mal 18 Jahre alt und veranstaltet den Club Domain, eine HipHop-Party für alle, die ihren Hosenboden gerne in den Kniekehlen tragen. Das läuft. Daniel hat kaum Zeit für ein Interview vor lauter Arbeit, er ist zufrieden. Erfolgreichen Nachwuchs - auch so etwas gibt es in der Kultfabrik.

Die alten Profis dagegen sitzen auf dem Optimolgelände, die erfahrenen Leute mit den etablierten Clubs. Nöth hat sie aus dem Kunstpark mitgenommen. Die neue Milchbar brummt, die Schlange vor dem K41 ist lang, der Kicker im neuen Keller besetzt. Vor dem erst kürzlich eröffneten Club 4 diskutieren ein paar Jungs, was sie tun, wenn nur ein Teil von ihrer Gruppe am Türsteher vorbei kommt. Im Harry Klein legt der angenehm ungekünstelte MTV-Moderator Markus Kavka seine wunderbaren Lieblingsscheiben auf, dazu flimmern feinste Visuals über die Wände. Der Cranberry-Saft ist lecker. Die Leute sind super. Angekommen. Endlich.