Nacht der Autoren Schreiben, lesen, reden

Bei der zehnten SZ-Nacht der Autoren gibt es enormen Andrang und viele Fragen: Was denken eigentlich Redakteure über Gabriels Stinkefinger?

Von Gerhard Fischer

Der Weg zu den SZ-Journalisten führt vorbei an Ritterrüstungen, Wandteppichen und einem Gemälde von Hans Mielich, das den Hofnarren Mertl zeigt. Am Ende des Spaziergangs durch das Bayerische Nationalmuseum gelangt man zum Mars-Venus-Saal, in dem die Innenpolitik-Redakteure Detlef Esslinger, Bernd Kastner und Jens Schneider über Frauke Petry und erboste Leser reden. Es ist noch früh am Abend, erst 18 Uhr, die zehnte Nacht der SZ-Autoren beginnt gerade und draußen scheint die Sonne. Trotzdem ist der Saal voll.

"Das Thema AfD bringt viele Leser in Wallung", sagt Esslinger, stellvertretender Ressortleiter der Innenpolitik. Gemeint sind Leser, die mit der AfD sympathisieren. Sie bezeichnen die Süddeutsche Zeitung als "Merkel-Zeitung" oder als Sprachrohr der Obrigkeit. Jens Schneider sagt, man versuche die AfD zu behandeln wie jede andere Partei. Er sitze nicht da und überlege, wie er der AfD Schaden zufügen könne. Bernd Kastner verrät, dass er in den Leserbriefen schon mal "Kastner-Kasper" genannt werde. Kastner will trotzdem mit diesen Leuten ins Gespräch kommen; er hat einige schon zu Hause besucht.

Eine Frau aus dem Publikum meint, dass es eine Verrohung der Sprache nicht bloß in Leserbriefen gebe. Und sie fragt, ob sich die SZ da raushalten könne. "Wenn wir jemanden zitieren, müssen wir diese Begriffe bringen", sagt Esslinger. "Ich finde es aber auch nicht gut, wenn zum Beispiel Gabriel von Pack redet oder den Stinkefinger zeigt." Das sei menschlich verständlich, senke aber wieder die Hemmschwelle.

Nach Esslinger, Kastner und Schneider sprechen die Kollegen Stefan Kornelius und Rainer Erlinger über "die Empathiefähigkeit und die Rolle der Medien in Zeiten der Dauerkrise." Wieder ist das Interesse groß. Die Leute stehen bis zur Prinzregentenstraße hinaus.

Ein paar Trambahn-Stationen entfernt, im Literaturhaus am Salvatorplatz, sitzen drei junge Journalisten auf dem Podium. Laura Terberl, Lukas Ondreka und Wolfgang Jaschensky reden über "SZ-Reportagen in virtueller Realität." An der Wand sieht man Aufnahmen aus den Favelas von Rio - von Jaqueline, die ihre Söhne, die Drogendealer sind, vor der Polizei versteckt. Was ist anders an diesem virtuellen Journalismus, der in der Entwicklungsredaktion der SZ gemacht wird - und durchaus als Zukunft des Journalismus bezeichnet werden kann? Oder als eine Zukunft jedenfalls. Als eine spannende.

Mit diesen Brillen ist man bei Reportagen mitten drin: Leute aus dem Publikum proben den Virtual-Reality-Journalismus.

(Foto: Stephan Rumpf)

"Wir haben mit sechs Kameras gefilmt, die auf einem Gestell montiert waren", erklärt Jaschensky. "Beim Schnitt haben wir sie zusammengefügt und einen 360-Grad-Blick bekommen." Allerdings braucht man dafür eine Brille. Die Journalisten haben zehn Brillen mitgebracht. "Ich bin beeindruckt", sagt eine junge Frau, "das kann ich mir sehr gut für Reportagen vorstellen." Ondreka war gerade mit einem Flüchtlingsrettungsschiff unterwegs. Man hat das Gefühl, man sei mitten auf dem Meer.

Zurück in die Prinzregentenstraße. Im Kopiensaal der Sammlung Schack sprechen die Redakteure Katharina Riehl und David Denk mit der Schauspielerin Maria Furtwängler und dem Produzenten Nico Hofmann über die Qualität des Fernsehens. Wieder stehen die Leute Schlange. Und es müssen welche draußen bleiben. Ein Mann sagt, er sei aus Nürnberg angereist und habe bei drei von vier Veranstaltungen keinen Platz ergattern können. Die Nacht der Autoren findet an sechs Orten statt, mit 22 Veranstaltungen, auf der Streiflicht-Autoren lesen, Sportreporter über Jogi reden oder die investigativen Kollegen über die Panama Papers. Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion, löst das Platz-Problem übrigens so: Einige Zuschauer dürfen zu ihm auf die Bühne, als er über Journalismus und Werte spricht.

Die Redakteure Katharina Riehl und David Denk (rechts) diskutieren mit Maria Furtwängler und Nico Hofmann über die Qualität des Fernsehens.

(Foto: Stephan Rumpf)

Furtwängler und Hofmann reden in einem Raum voller Gemälde zunächst darüber, wann sie sich zum ersten Mal getroffen haben oder was sie gemeinsam planen. Es ist ein Schäkern. Dann geht's ums Fernsehen. Hofmann schätzt es, schließlich hätten es Anbieter wie Netflix schwer, hier Fuß zu fassen. Dennoch werde sich das Fernsehen wegen der vielen Plattformen "in den nächsten sechs, sieben Jahren" stark verändern - unter anderem plane das ZDF einen Ausbau seiner Mediatheken. "Die stecken da 30, 40 Millionen rein", sagt Hofmann. "Das Publikum wird sich Inhalte und Zeitpunkt, wann sie etwas sehen wollen, selbst aussuchen." Furtwängler sagt zwar auch, das Fernsehen sei besser als sein Ruf; aber sie kritisiert auch. Etwa dass Frauen über 35 kaum Rollen bekämen; oder dass Castingshows schlecht seien für das Körperempfinden der Mädchen.

Hofmann ist nachsichtiger, was wohl auch daran liegt, dass er Sendungen wie "Deutschland sucht den Superstar" produziert. Allerdings achte er darauf, dass Grenzen eingehalten werden, sagt Hofmann. "Eine Abnehmshow, bei der die Leute immer über die Dicksten lachten, haben wir eingestellt."