Nachruf Zu Hause in der Welt der Bücher

Aenne Hirmer hat gemeinsam mit ihrem Mann den Hirmer-Verlag gegründet und zu einem der führenden europäischen Kunstbuchverlage ausgebaut. "Es war ja nicht nur Arbeit, es war viel Freude dabei", sagte sie des Öfteren. Jetzt ist Aenne Hirmer im Alter von 105 Jahren gestorben.

(Foto: privat)

Im Alter von 105 Jahren ist Aenne Hirmer gestorben. Mit ihr verliert die Stadt München eine ihrer großen Verlegerpersönlichkeiten. Der Hirmer-Verlag, den sie nach dem Krieg mit ihrem Mann Max gegründet hatte, ist einer der führenden deutschen Kunstbuch-Medienhäuser

Von Martina Scherf

Wer immer Aenne Hirmer besuchte, war beeindruckt von ihrem Charme, ihrem Humor, ihrem hellwachen Geist. Noch in ihren Neunzigern hatte sie im Lektorat des Hirmer-Verlages mitgearbeitet, den sie gemeinsam mit ihrem Mann gegründet und zu einem der führenden europäischen Kunstbuch-Verlage ausgebaut hatte. "Es war ja nicht nur Arbeit, es war viel Freude dabei", sagte sie des Öfteren. Jetzt ist Aenne Hirmer im Alter von 105 Jahren gestorben. Mit ihr verliert die Stadt München eine ihrer großen Verlegerpersönlichkeiten.

Ihr Haus in Nymphenburg war gefüllt mit Kunstbüchern. Malerei, Skulpturen, Architektur - die Beschäftigung mit den schönen Künsten hatte das Leben der Hirmers bestimmt. Und bis zuletzt nahm die elegante Dame und regelmäßige Konzertgängerin interessiert am Weltgeschehen teil. Die ausführliche Zeitungslektüre gehörte ebenso zu ihrer täglichen Routine wie Spaziergänge im Nymphenburger Park. Noch im Frühjahr dieses Jahres gab die ehemalige Verlegerin ein Fernsehinterview aus Anlass ihres 105. Geburtstages. Mühelos erzählte sie darin noch einmal von den wichtigen Stationen ihres Lebens.

Als Aenne Hirmer 1912 im Ruhrgebiet geboren wurde, da feierte man auf öffentlichen Plätzen noch den Geburtstag des Kaisers. Im Alter von zehn Jahren lernte sie in Bochum ihren späteren Ehemann Max kennen. 1931 machte sie ihr Abitur, 1934 heirateten die beiden, und das Paar zog nach München, wo Max Hirmer seit 1928 als Botanik-Professor lehrte. Acht Jahre später entzogen ihm die Nazis wegen "politischer Unzuverlässigkeit" seinen Lehrstuhl an der Ludwig-Maximilians-Universität. 1939 kam ihr Sohn zur Welt, die beiden Töchter folgten 1942 und 1943.

Als der Krieg zu Ende war, wollte Max Hirmer nicht an die Universität zurück, wo er wenig Reformwillen verspürte. Er hatte schon öfter mit dem Gedanken gespielt, selbst einen Verlag zu gründen, nachdem sein Vater einen religiösen Kunstverlag besessen hatte. 1948 legte das Ehepaar los. "Das war wirklich ein wahnsinniges Risiko", erzählte Aenne Hirmer später. "Wir haben unsere Zulassung acht Tage nach der Währungsreform erhalten. 40 Mark bekam man damals pro Kopf. Und Papier war rationiert." Was es aber gab, war Fotopapier, und da Max Hirmer ein leidenschaftlicher Fotograf war, gaben sie als erstes kleine Mäppchen mit Bildern von bayerischen Barockschlössern und -kirchen heraus, im Familienbetrieb. "Unsere Kinder Albert und Irmgard haben die Serien gelegt. Damit haben wir angefangen." Das erste Buch erschien 1950, ein Bildband über die Wieskirche. Den Gedanken zu scheitern habe sie "einfach verdrängt", erzählte sie später. Die Nachkriegszeit war für Aenne Hirmer eine Zeit der kulturellen Entdeckungsreisen. "Ich erinnere mich, dass ich durch München ging, um ein paar Dinge zu besorgen, als mir jemand erzählte, dass in der Aula der Universität ein Konzert stattfinden soll. Ich bin dann einfach hin, die Tüten im Arm, ohne mich schick zu machen, darum ging es ja nicht. Gespielt wurde Beethovens Neunte, und ich war unendlich beeindruckt, nach diesen schrecklichen Jahren so etwas zu erleben."

Die Bücher wurden aufwendiger, die Kontakte internationaler. 1955 bauten sie ihr Haus in Nymphenburg, das anfangs auch noch Verlagsadresse war. Anfangs zog das Ehepaar mit schwerer Ausrüstung los in die Schlösser und Museen, um zu fotografieren und zu recherchieren. Alle Projekte stemmten Max und Aenne Hirmer gemeinsam - und zogen nebenbei die Kinder groß. Nachdem sich der Verlag etabliert hatte, verlegte sich Aenne Hirmer dann aufs Lektorieren. Die Arbeit mit den Autoren machte ihr große Freude.

"Wir haben immer das gemacht, was wir für richtig hielten", erzählte sie. Manchmal erschien auch ein Buch zu früh für den jeweiligen Zeitgeist, wie etwa der Bildband über den Bildhauer Antonio Canova. "Kaum war das letzte Buch verramscht, setzte der Canova-Boom ein." Dann gab es wieder Überraschungserfolge wie die "Villen des Veneto". Nach dem Tod von Max Hirmer 1981 stieg Sohn Albert in den Verlag ein. Inzwischen hat die Familie den Verlag verkauft, derzeit gehört er dem Zeitungsverleger Dirk Ippen.

Aenne Hirmer trauerte den vergangenen Zeiten nicht nach, sagte sie in einem Interview. Die Veränderungen auf dem Buchmarkt hätten es für kleine, anspruchsvolle Verlage immer schwerer gemacht, sich zu behaupten. Früher habe man auf der Frankfurter Buchmesse viele Bekannte getroffen. Es sei um Bücher gegangen, "nicht ums Geld". Einmal, in den Fünfzigerjahren, habe Lothar-Günther Buchheim einen Händler, der nationalsozialistisch angehauchte Literatur vertrieb, eigenhändig vor die Hallentür gesetzt. So etwas ging damals noch. "Und dann waren wir den ganzen Tag tief befriedigt".

Das Leben sei ein Geben und Nehmen, sagte sie an ihrem letzten Geburtstag, und dass sie dank ihrer Kinder immer noch aktiv daran teil habe. Jetzt ist dieses lange Leben zu Ende gegangen.