345 Münchnerinnen und Münchner, die 100 Jahre oder älter sind, zählte das statistische Amt der Stadt Ende Juli. Den Schreinermeister Rudolf Böck wohl nicht mehr eingerechnet. Wie seine Familie jetzt bekannt gab, ist er am 29. Juni im Alter von 106 Jahren friedlich zu Hause eingeschlafen.
Als er am 31. Januar 1919 zur Welt kam, war der Erste Weltkrieg gerade erst vorüber. Moosach, wo er von seiner Geburt an zu Hause war, gehörte gerade mal sechs Jahre zu München. Seinen dörflichen Charakter mit Wirtshaus und Kirche hatte dieser Stadtteil, sehr zur Zufriedenheit von Böck, lange bewahrt. Als er Kind war, fuhren hier noch Pferdewagen, der Münchner Marienplatz schien weit entfernt zu sein. In die Ferne musste Rudolf Böck im Zweiten Weltkrieg, wo er in Frankreich stationiert und dann in Russland inhaftiert war. Dass er die Gräuel überlebt hatte, empfand er als Glück. Er hatte Kameraden neben sich sterben sehen, er selbst aber stand bald unversehrt wieder an der Hobelbank so wie sein Großvater und Vater vor ihm. Tradition war ihm wichtig, dem Rudi, wie ihn alle nannten, und auch das Familienleben. In den Fünfzigerjahren bekamen er und seine Frau zwei Kinder, Rudi junior und Ingrid.
Es hätte für ihn so weitergehen können, das Leben als Firmenchef und Familienvater. Doch am Faschingsdienstag 1977 verlor er seine Frau bei einem Verkehrsunfall. Das Schicksal hatte an diesem Tag böse zugeschlagen, die Trauer und die Sorge waren damals groß, berichtet der Sohn. Doch Zuversicht und Freude kehrten zurück mit einer neuen Lebensgefährtin. Irmgard Karl wurde zur jahrzehntelangen Begleiterin des Vaters. Gemeinsam unternahmen sie viele Reisen, „die halbe Welt haben sie gesehen“. Die Partnerin unterstützte die Leidenschaft ihres Rudis fürs Fahrradfahren und ließ ihm die Freiheit, sich gelegentlich mit Spezln im Wirtshaus oder Biergarten zu treffen. Beim Alten Wirt in Moosach saß er gern bei einem Hellen und Schweinsbraten.
Auch dem Spieglwirt war Böck verbunden, dort kümmerte er sich um die Kegelbahn, eine alte, massive Teakholz-Kugel bewahrte er in seiner Werkstatt auf. Als er von der Augustiner-Brauerei den Auftrag für einen neuen Stammtisch dort bekam, war es eine Ehrensache für den Schreinermeister, das beste Ahornholz dafür auszusuchen. Da war er schon über 100 Jahre alt. Bis zuletzt saß Rudolf Böck über Kreuzworträtsel; wer ihn kannte, bewunderte sein Wissen.
Moosach verliert ein Original und München seinen wohl ältesten Schreinermeister. Die Urnenbeisetzung findet am 11. September auf dem Westfriedhof statt.

