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Nachruf:Mahner für das Miteinander

Nachruf Reiner Bernstein

Der Historiker und Mit-Initiator der Münchner Stolpersteine Reiner Bernstein ist im Alter von 82 Jahren verstorben.

(Foto: Karlheinz Egginger)

Für seine Vorschläge für den Frieden in Nahost und die Münchner Stolpersteine wurde Reiner Bernstein oft kritisiert. Nun ist er gestorben

Von Alexandra Föderl-Schmid

Es ist erst wenige Wochen her, dass sein letztes Buch erschienen ist. "Allen Anfeindungen zum Trotz" war der treffende Titel für Reiner Bernsteins Lebensbilanz - die 61 Seiten umfassende Schrift sollte schließlich auch sein Vermächtnis werden. Denn der im Alter von 82 Jahren in München verstorbene Historiker und Publizist wusste, dass er nicht mehr lange zu leben hatte. Und am Ende wünschte er sich "sehnsüchtig den Tod", wie seine Frau Judith berichtete.

Bernstein, der 1939 in Merseburg zur Welt gekommen war, prägte die als Kind gemachte Fluchterfahrung. Seinem Vater machte während der Nazizeit der jüdisch anmutende Familienname zu schaffen, ihn selbst faszinierten zuerst die hebräischen Buchstaben. Bernstein begann, sich während seiner Studienzeit in Berlin mit dem Judentum und jenem Flecken Land im Nahen Osten zu beschäftigen, auf das Israelis und Palästinenser gleichermaßen Anspruch erheben. Die Auseinandersetzung mit dem Nahost-Friedensprozess wurde ihm zur Lebensaufgabe, an der er sich abarbeitete.

Wiederholt wurde ihm Einseitigkeit zugunsten der Palästinenser vorgeworfen

Zum ersten Mal kam er nach Israel zwei Wochen nach dem Sieben-Tage-Krieg 1967. Kurz darauf promovierte Bernstein über den publizistischen Kampf der Juden in der Weimarer Republik gegen den Antisemitismus. Nach einem kurzen Intermezzo als Redakteur beim Saarländischen Rundfunk begann er 1971 als Geschäftsführer der Bonner Gesellschaft der deutsch-israelischen Gesellschaft. Dort machte er zum ersten Mal die Erfahrung, dass es ihm schwer fiel, die israelische Politik ohne Wenn und Aber zu vertreten. "Mit meiner Grundüberzeugung war vieles nicht vereinbar, besonders die Siedlungspolitik", schreibt er in seinem letzten Buch. Er setzte sich für einen gleichberechtigten Dialog zwischen Israelis und Palästinensern in verschiedenen Initiativen ein - auf seine Weise und mit seiner in Israel geborenen Frau Judith und später den Töchtern Shelly und Sharon an seiner Seite.

Bernstein gehörte zu den Initiatoren der Stolpersteine, die auch in München an die Ermordeten des Naziregimes erinnern. Über die Widerstände des Münchner Stadtrates dagegen berichtete auch die SZ 2004. Ihm wurde wiederholt Einseitigkeit zugunsten der Palästinenser und Sympathie für Boykottmaßnahmen gegen Israel vorgehalten. Gegen die Bezeichnung Antisemit in einem Buch setzte er sich zuletzt vor Gericht und mit Verbitterung zur Wehr. Mit dem Nahostkonflikt hat sich Bernstein in insgesamt zehn Publikationen auseinandergesetzt. Auf dem Umschlag seines letzten Buches ist das Zitat: "Kein Frieden für Israel ohne Frieden für die Palästinenser. Kein Frieden für die Palästinenser ohne Frieden für Israel." Das ist die Bernstein-Formel für Frieden in Nahost.

© SZ vom 20.02.2021
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