Süddeutsche Zeitung

Nachruf:König des Shuffle

Zum Tod des Blues-Schlagzeugers Oskar Pöhnl

Von Oliver Hochkeppel

Der Blues fand über Weiden in der Oberpfalz nach Bayern. Dort gehen das GI-Kind Al Jones und der 1951 als zwölftes Kind einer Arbeiterfamilie geborene Oskar Pöhnl zusammen zur Schule. Dort sehen sie Mitte der Sechzigerjahre im Fernsehen das "American Folk & Blues Festival", die legendäre Tournee-Serie, bei der die Impresarios Horst Lippmann und Fritz Rau die fast vergessenen amerikanischen Blues-Legenden aus der Versenkung holten und in Europa präsentierten. Dort beginnen sie gemeinsam, den Vorbildern nachzueifern. Für den Schlagzeug-Eleven Pöhnl wird Fred Below zur Referenz, der Chicago-Drummer, der den Sound der Blues-Heroen von Muddy Waters bis Howlin' Wolf mitprägte. Während die anderen deutschen Drummer auf die aktuellen Stile von Beat, Rock, Swing oder Bebop aufspringen, kultiviert Pöhnl die trockenen Shuffle-Grooves des Blues.

Durch den Erfolg der Band von Al Jones darf Oskar - manchmal auch amerikanisch Oscar geschrieben und von Freunden nur Ossi genannt - Pöhnl bald auch US-Stars wie Memphis Slim, Champion Jack Dupree oder Louisiana Red in Europa begleiten, sogar auf den großen Festivals in Montreux oder Den Haag. Und weil es in der Heimat lange keine Konkurrenz gibt, spielt er mit allen einschlägigen bayerischen Bands, jahrzehntelang mit Al Jones, dann bei Ludwig Seuss, seit 1998 mit Peter Schneiders Stimulators. Dort wird er stilistisch vielseitiger, und er darf auch zunehmend als Sänger ins Rampenlicht treten. Bei den Sessions in Peter Schneiders Küche probiert er dies auf Niederbairisch - das Duo Blueswurz entsteht 2009 daraus, eine Rückkehr zu seinen Wurzeln, lange vor der aufkommenden Heimatsound-Welle. Und ein weiterer Beleg für die Authentizität Pöhnls, der den Blues atmete, musikalisch wie im der Gesundheit nicht immer zuträglichen Leben "on the road". Am vergangenen Donnerstag ist Pöhnl 69-jährig gestorben.

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Quelle:
SZ vom 18.05.2020
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