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Nachruf:Gemeinsam Großes schaffen

Werner Grobholz, ehemaliger Konzertmeister der Münchner Philharmoniker.

(Foto: Kimberley Grobholz/oh)

Geiger Werner Grobholz ist tot

Von Harald Eggebrecht

Wenn je ein Name im Widerspruch zu Begabung und Wesen seines Trägers gestanden hat, dann der des Geigers und Musikers Werner Grobholz, der 1942 in München geboren wurde. Grobholz verkörperte in Erscheinung und Violinspiel und erst recht im Gespräch exemplarisch das münchnerisch Freundliche und Sanfte, ohne es dabei an Kontur und Statur fehlen zu lassen. Wenn er als Solist auf dem Podium stand, ließ Grobholz keinen Zweifel daran, dass es beim Musizieren in jedem Fall, und seien es der heiterste Ländler und der eleganteste Walzer, um Qualität der Ausführung und damit um die Wahrheit der Musik ging. Von außen gesehen erinnerte Werner Grobholz mit seinem lockigen Wuschelkopf und der randlosen Brille ein wenig an Franz Schubert: in dieser Mischung aus Leutseligkeit und künstlerischem Ernst, physischer Rundlichkeit und dann Präzision des Violinspiels, dem jegliche unschöne Schärfe oder hässliche Härte abging.

Früh zeigte sich die Begabung, weshalb schon der Zwölfjährige zur Musikhochschule nach Detmold geschickt wurde. Dort studierte Grobholz bei Werner Heutling, Max Strub und Wilhelm Isselmann, später in München bei Otto Büchner. Dann ging es als Konzertmeister des Münchner Kammerorchesters unter Hans Stadlmair in die Welt. Doch 1966 kam er ans erste Pult der Münchner Philharmoniker. Als Rudolf Kempe Fritz Rieger als Generalmusikdirektor ablöste, wurde Werner Grobholz Erster Konzertmeister und begeisterte Publikum, Kollegen und den wortkargen sächsischen Meister Kempe mit höchst engagiertem Spiel, glänzenden Soli und auch als großartiger Solist etwa in Max Bruchs 1. Violinkonzert. Daneben spielte er im Quartett seines Konzertmeisterkollegen von der Staatsoper, Ingo Sinnhofer, trat mit der Academy of St. Martin in the Fields auf, leitete vom Pult aus die Münchner Kammersolisten, gründete 1979 das Alvarez-Klavierquartett oder musizierte im Consortium Classicum.

Grobholz war frei von jeglichem Stargetue, aber seine unangestrengte Bescheidenheit war von unverkennbarem Musikerstolz geprägt. Es gibt manche Orchester, bei denen man den Eindruck gewinnen kann, dort spielten lauter verhinderte Solisten. Das mag dann glänzend, laut und präsent klingen, ganz nach Sergiu Celibidaches Bonmot: "Wenn hundert Mann wie die Teufel spielen, macht das natürlich Eindruck. Aber ob es etwas mit Musik zu tun hat, ist eine ganz andere Frage!"

Werner Grobholz kam nie in Verdacht, für sich glänzen zu wollen. Er verstand Musizieren immer symphonisch im Sinne des Miteinanders. Es war daher ein Glücksfall, als Celibidache Generalmusikdirektor der Münchner Philharmoniker wurde und dort auf einen Konzertmeister traf, dem "Celis" Überzeugungen selbstverständlich waren. Grobholz' Kunst und sein Vertrauen in die Musiker ergriffen auch den Maestro. So brachten die 17 Jahre mit Celibidache nicht nur den Philharmonikern Weltruhm, sondern das Orchester spielte auch ganz im Sinne seines Konzertmeisters: aufeinander hörend, immer das symphonische Ganze im Sinn. Es war berührend zu sehen, wenn sich Celi und Grobholz nicht nur die Hand schüttelten am Ende eines Konzerts, sondern sich anstrahlten, weil sie in gemeinsamem Geist Musik im Augenblick erschaffen hatten.

Neben dem Musizieren war Werner Grobholz ins Autofahren vernarrt und schätzte überhaupt jegliche Form elektronischen Fortschritts. Wer mit ihm auf Konzertreise in Japan war, kann erzählen, mit welchem Vergnügen Grobholz nach den neuesten Errungenschaften in Fotografie, Telefonie und Tonaufzeichnung in Tokio suchte und spitzbübisch lachte, wenn er einen tollen Fund gemacht hatte. Auch liebte er Geselligkeit, Essen und Trinken. Mit ihm ist eine prägende Persönlichkeit nicht nur des musikalischen Münchens, sondern des Musiklebens überhaupt gegangen. Werner Grobholz ist am 16. Februar im Alter von 79 Jahren in München gestorben.

© SZ vom 24.02.2021
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