Nachruf Ein Leben für das Kino

Voll Energie hat Elisabeth Kuonen-Reich den Technikwandel im Kino mitgemacht. Die Filmspule zeigte sie aus nostalgischen Gründen fürs Foto.

(Foto: Catherina Hess)

Elisabeth Kuonen-Reich, Leiterin des Rio Filmpalasts am Rosenheimer Platz, ist im Alter von 58 Jahren überraschend gestorben.

Von Susanne Hermanski

Egal, wie viele Diven sie über ihre Leinwand hatte flattern lassen - Elisabeth Kuonen-Reich war alles andere als eine Drama-Queen. Auch wenn viele Kollegen ihre Kinos in den vergangenen Jahren schlossen, weil Netflix das Publikum zu Hause auf dem Sofa festhielt oder weil die Mieten in München ins Astronomische gestiegen sind - Elisabeth Kuonen-Reich jammerte nie. Sie kämpfte. Mit Fröhlichkeit und einem guten Programm, das von klassischem Arthouse bis hin zum gehobenen Mainstream reichte. Schließlich kannte sie ihre Nachbarschaft in Haidhausen.

Die meisten Besucher, Bildungsbürger ab 35, "wollen hier keine Hollywood-Blockbuster sehen", sagte Elisabeth Kuonen-Reich einmal, "also zeige ich keine". Sie nahm lieber kluge Filme ins Programm und baute auf vernünftige Kooperationen. Etwa mit anderen Münchner Kinos, die es für die alljährlichen "Filmkunstwochen" unter einen Hut zu bringen galt. Vor allem aber sah Elisabeth Kuonen-Reich mit dem Herzen gut. Eine unschätzbare Eigenschaft, wenn einer andere Menschen fürs Kino entflammen will. Viele Jahre saß sie in der Jury des Bayerischen Filmpreises. Dabei kämpfte Elisabeth Kuonen-Reich für Filme, die sie auch emotional berührten; ob die "an der Kasse funktionierten", war für sie nie ausschlaggebend. Zu sehr wirkte in ihr selbst "dieses Kino-Gen", wie sie es nannte, das ihr "angeboren" war.

Bereits ihr Großvater war Kinobetreiber, die Eltern führten erst ein Haus in Nürnberg und gründeten 1960 in München den Familienbetrieb im neugebauten Rio. Elisabeth Kuonen-Reich wurde kurz nach der Eröffnung, 1961, wie sie das ausdrückte, "ins Kino hineingeboren". Schon früh zeigte sie als Kinokind - und Unternehmerin - einen ausgeprägten Kampfgeist. Bis 1979 war das Rio ein typisches Vorstadtkino, ein Nachaufführungshaus, das neue Filme erst sechs Wochen nach der Premiere zeigen durfte. Doch weil sie und ihr Vater sich mit dem Cinema und dem Kino in Solln zusammentaten, hatten sie bei den Verleihern auf einen Schlag eine bessere Verhandlungsbasis. Jahrelang feierte die Branche sie als Helden der kleinen Kinos.

Viele Regisseure haben aufregende Stunden im Rio verbracht. Internationale Newcomer, die beim Filmfest ihre Premieren im Rio erlebten, Münchner Filmemacher wie Ralf Westhoff und Marcus H. Rosenmüller. Auch der junge Sönke Wortmann hatte eine seiner ersten Premieren im Rio, und "er war so nervös, dass ihn meine Mutter kurzerhand in unser Café setzte und ihm einen Kamillentee brachte", erzählte Elisabeth Kuonen-Reich einmal - als hätte sie Ähnliches nicht selbst für Dutzende getan, deren Herz tief in die Hose gerutscht war, angesichts eines erwartungsfroh guckenden Publikums.

Ihren beiden Söhnen rieten Elisabeth Kuonen-Reich und ihr Mann angesichts der Kinokrise, "erst mal etwas anderes" zu lernen. Auch, weil es fraglich sei, ob die Jüngeren noch ein Leben wollten, das sich 365 Tage im Jahr vor allem im Familien-Kino abspielt. Als Elisabeth Kuonen-Reich vollkommen überraschend, zwei Tage zuvor 58 Jahre alt geworden, starb, befand sie sich in Baden Baden - auf einem Filmkongress zur Zukunft des Kinos. Der Trauergottesdienst für sie wird am Donnerstag, 18. April, um 11.30 Uhr in der Pfarrkirche St. Heinrich gehalten. Die Beerdigung findet um 13.30 Uhr im Alten Teil des Waldfriedhofs statt.